aus dem Roman TRICHTERSPRUNG (Krankenschwester Heide erzählt) PDF Drucken E-Mail

(Anmerkung:  Schwester HEIDE lernt Stefan H. bei seiner Alkoholtherapie kennen und erzählt)

Veränderungen, die auf abrupt hereinstürzenden Ereignissen basieren, befinde ich für ungefährlich, auf sie lässt sich’s eingehen, falls notwendig entgegensteuern. Heimtückischer gestalten sich schleichende Veränderungen. Entweder erkennt man sie gar nicht als Veränderungen oder erst, wenn sich diese so weit manifestiert haben, dass es bedeutender persönlicher Kraftanstrengung bedarf, um den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen, dieser Vorgang der selbst herbeigeführten abrupten Veränderung aber meist zu spät ins Bewusstsein dringt. 

Irgendetwas geschah, geschah mit mir, begann zu geschehen. Kolleginnen sprachen zu mir über Stefan als „dein Patient“. In dieser Bezeichnung lag kein Spott, Neid, Bosheit oder sonst was, sie machte nur offenkundig, dass meine Mitstreiterinnen bemerkt hatten, wie sehr er mir am Herzen lag. Favoriten unter den Patienten zu haben galt durchaus nicht als ungewöhnlich, nicht jeder konnte sich mit jedem gleich gut verstehen. Überdies ging die Favoritenrolle so gut wie nie zu Lasten anderer Patienten.

Sonderbar war nur, dass ich die Veränderung nicht wahrgenommen, nicht begriffen hatte, was mir „mein Patient“ mittlerweile bedeutete. Die anfänglich nur sporadischen Plauschereien waren längst zur lieben Nachtdienstgewohnheit avanciert. Durch diese Nachtgespräche hatte ich gelernt ihn zu verstehen, da er mir seine Welt dargelegt, seine Art zu denken nähergebracht, seine Seele vor mir ausgebreitet hatte. Der Patient Stefan H. institutionalisierte sich in mir, ich dachte nicht an das Morgen, sah an der Zukunft vorbei.

Stefan war es erlaubt, den Traum der Zukunft zu träumen, für eine Krankenschwester kam eine Zukunft mit einem Alkoholpatienten schlichtweg nicht infrage, war sogar in meinem damaligen Denken noch etwas Unvorstellbares, auch wenn er mir inzwischen teuer war, so wie ein Bruder, ein lieber Bruder, ein sehr lieber Bruder.

Stefan schämte sich nicht in seiner Patientenrolle, noch beschönigte er, wie Dutzende andere vor ihm, er mochte mich, zeigte das und gab und gab und gab. Er offenbarte sein Innenleben, rollte die Seele vor mir aus wie einen „Orient“, legte mir sein Denken zu Füßen. Die Ärzteschaft hatte Stefan als Exzentriker kennengelernt, als außerhalb des Mittelpunktes liegend, mir begegnete er in diesen Tagen konzentrisch – einen gemeinsamen Mittelpunkt habend. Mir sagte seine einfühlende, sensible Art zu, seine grenzenlose Liebe zur Natur. Ich lernte seine Verwundbarkeit verstehen, begriff, dass ein Mensch mit solcher Gefühlstiefe Schwierigkeiten mit der Welt haben konnte, haben musste. Ich begriff weiters, dass der Alkohol für ihn das Schneckenhaus war, dieses Schneckenhaus ihm seine Heimat und Quelle für seinen Zynismus war.

Ich versuchte die Augen nicht vor der Wahrheit zu verschließen, rief mir immer und immer in Erinnerung: „Alkoholiker sind psychisch Kranke“, und doch war ich bereits erblindet, ertaubt, immun gegen Tatsachen. Die Kraft des Magneten zog mich an den Abgrund und langsam, wie in tausendfacher Zeitlupe, setzte das Fallen ein.

 

 

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