Stammtisch (aus dem Hörbuch "Wirte und andere ehrliche Gesellen" PDF Drucken E-Mail

Das Wort Stammtisch benennt eine Expertenrunde, die Themen aller Art, egal ob aus Politik, Wirtschaft, Umwelt oder der lokalen Szene entstammend, akribisch beurteilt, analysiert und auf Alkohol gebaute Lösungsansätze erarbeitet. Die Stammtischrunde ist ernsthaft überzeugt, dass die erzielten Ergebnisse zur Rettung der Welt beitragen können. Aufgrund einer endlosen Zahl von Autoritäten in solcher Runde wird die Diskussion eher undemokratisch geführt, dafür lautstark. Die bierschellige Stimmung setzt Aggressionen frei denen Stammtischprofis mit leicht hängendem Kopf begegnen, um so tief fliegenden Bierkrügen und darauffolgenden Watschenovationen zu entgehen.

Bierschellig benennen die Gebrüder Grimm im ersten deutschen Wörterbuch den Zustand wenn der Trank die Zunge löst, mehr oder minder leicht berauscht.

Die mit dem Alkohol einhergehende Alzheimer-Anfälligkeit verhindert meist, dass die Erinnerung an ausgetauschte Gemeinheiten die Nacht überlebt und so ein nächsttägiger friedlicher Stammtischstart gewährleistet ist.

Der Stammtisch, also der Tisch selbst, für gewöhnlich aus massivem Holz gezimmert, drückt mit seiner robusten Konstruktion quasi die Verwurzelung der hier Sitzenden aus. In Gegenden mit Bergdominanz bleibt der Hut im Wirtshaus auf dem Kopf. Die Körperhaltung der am Stammtisch verweilenden Männer ändert sich mit zunehmendem Getränkekonsum: anfangs liegen die Unterarme auf dem Tisch, die Schultern zu den Ohren hochgezogen und den Blick im Glas versenkt. Das anfangs sanfte Schwingen des Oberkörpers endet in leichten Körperzuckungen, die  ein Abrutschen der Arme mit sich bringen und dies wiederum mitunter einen Aufprall der Stirn am Stammtisch verursachen kann. Der Stolz verbietet das Verarzten von Stammtischwunden, eher werden diese Blessuren wie Kriegsverletzungen behandelt, also mit Würde getragen und ertragen.

Die neue progressive Gastronomie entwickelte aus den Stammtischrunden die VIP-Zone, für betuchte, besondere Gäste. Dieser streng vom restlichen Gastrogeschehen abgegrenzte Bereich versteht sich als individuelle Wohlfühlzone für spezielle Gäste, in der sie einzigartige Annehmlichkeiten genießen können. Beispielsweise einen fulminanten Ausblick auf die das Wirtshaus umgebende Landschaft, wie Schnee und Wiese, bereitliegend dazu diverse Gräser, und lukullische Köstlichkeiten, wie das duftende Mariannenbrot und regenbogenfarbene Zaubertränke. Für die Duftessenzen wie das das Eau de Toilette á la Fendrich stehen Inhalierapparate bereit.

Als ein weiterer und profitabler Zweig der Gastronomie gelten die Discos, die nicht der Unterhaltung, sondern zum Befriedigen der Urtriebe dienen.  Der moderne Discotanz ursprungt in der Tierwelt, nachempfunden den Stammesritualen von Indianern und Buschmenschen. Das Männchen signalisiert dem Weibchen oder umgekehrt, unter gegenseitigem Umkreisen: „ich begehre dich!“

Imponiergehabe bei Tieren, im Tierreich die weit verbreitete Form des Drohverhaltens meist geringer Intensität, bei dem männliche Tiere versuchen durch bestimmte beeindruckende Verhaltensweisen Weibchen zu umwerben und für sich zu gewinnen, oder aber die Rivalen einzuschüchtern, so zu verunsichern, dass sie kampflos das Feld räumen. Primitives Imponiergehabe drückt sich darin aus, dass gewöhnliche Bewegungen mit einem unnötigen, auffallenden Kraftaufwand ausgeführt werden. Andere bekannte Formen des Imponiergehabes sind  Sträuben der Nackenhaare beim Gorilla oder das Hervorheben der Körpergröße; dies ein Grund, warum der Orthopädie kein Fall von Buckeligkeit bei kleinen Männern bekannt.

Nach beendetem Tanzritual zahlt das Männchen die Getränke und schleppt das Weibchen ab.

Grundsätzlich ist die Stammtischrunde eher männerorientiert bzw. von diesen dominiert. Das weibliche Geschlecht frequentiert für Gesprächsrunden eher das Café, wird es an Stammtischen zwar nicht dezidiert ausgeschlossen, doch am liebsten nur als Bedienung gesehen. Der Stammtisch dient quasi als Oase der Erholung von Arbeit und Familie. Hier erfrischt der Mann sozusagen Leib und Seele, regeneriert sich von den Anstrengungen des Alltags im geistigen Austausch mit Gleichgesinnten, schöpft Kraft für die am ehelichen Herd anstehenden Diskussionsrunden.

Der Terminus „gut eingeschenkt“ bezieht sich nicht alleinig auf das korrekte Auffüllen des Trinkwerkzeugs, sondern umschließt ebenso die von der breiten Stammtischmasse präferierten Argumente des femininen Bedienungsvolkes. Manch Wirt fordert mit markigen Ratschlägen deren Offenlegung und Zurschaustellung, macht ohne Zag und Scham die Serviermädel darauf aufmerksam, dass durch offenes Dekolleté nicht nur Schluckgeschwindigkeit als auch Trinkgeld ansteigen. 

Der dem weiblichen Bedienungsvolke anhaftende Geruch der Liederlichkeit fußt auf den Anfängen der Kaffeehauskultur, so schrieb 1725 der Philosoph und Schriftsteller Johann Christoph Gottsched in seiner  moralischen Wochenschrift „die Tadlerinnen“: caffee-menscher heiszen nach heutiger art zu reden diejenigen verdächtigen und liederlichen weibesbilder so, in denen caffehäusern das anwesende mannsvolk bedienen und ihm alle willige dienste bezeugen.“

Laut dem renommierten Lexikon Brockhaus ist das „Kaffeehaus“  eine besonders in Österreich übliche Bezeichnung für ein Café, in dem die Gäste länger verweilen und sich die Zeit mit Zeitunglesen, Spielen und ähnlichem vertreiben.

Das noch heute zum Kaffee gereichte Glas Wasser diente der noblen Gesellschaft ursprünglich zum Reinigen des Kaffelöffels, galt es doch als nicht schicklich diesen abzulecken. Heutzutags wird vielerorts Glas um Glas geordert um die Zeche niedrig zuhalten. Dies betrifft eher das weibliche Geschlecht, labet sich doch das Mannsvolk eher an hopfigen und malzigen Durstlöschern.

Mitunter passiert, dass Stammtischgänger sich an den drallen Formen der Bedienung nicht satt sehen können, und ihre Hände auf Erkundung schicken, ganz im Sinne von anno dazumal die willigen Dienste einfordern. So soll es vorkommen, dass schon manches resche Mädel dies nicht mit einer Maulschelle parierte, sondern ob der betuchten Prominenz ein Auge zudrückte, alles nur des sicheren Arbeitsplatzes wegen.

Bauernregel:    Ist der Betrieb schon ziemlich krank, kommt der Aschenbecher von der Bank! Hat das Kaffeemensch keine Wahl, grabscht es an der Bankgeneral!

 

(aus dem musikalischen Hörbuch "Wirte und andere ehrliche Gesellen - CD produziert 2009 GUEHA)

 

Texte

  • Ludwig Hirsch – Damals
    Damals im Jahr 1983, als die Grenzen Österreichs noch streng abgesichert waren, damals als Fred Sinowatz österreichischer...
    mehr...
  • Mein Neffe Tom – Vol_6
    Wenn ich die Aktivitäten meines Neffen Tom betrachte, so wundert mich oft, wie er es schafft alles durchzustehen, quasi...
    mehr...
  • Mein Neffe Tom – Vol_5
    Mein Neffe Tom ist sich darüber im Klaren, dass er nur mit einer fundierten Ausbildung an die Spitze der Futtertröge –...
    mehr...
  • Mein Neffe Tom - Vol_4
    Mein Neffe Tom zeigte nicht die mindeste Spur von Bedauern über die noch andauernden Renovierungsarbeiten in seinem Elternhaus,...
    mehr...
  • Mein Neffe Tom - Vol_3
    Wenn ich dachte, dass der Schulanfang meinem Neffen Tom nun einiges abverlangen würde, und seine sonstigen Aktivitäten...
    mehr...
Website by Tridolphin