Stamathis (aus dem Roman TRICHTERSPRUNG) PDF Drucken E-Mail

Stamathis der Grieche (HEIDE erzählt...)

Natürlich fragte ich Stamathis nach dem Geheimnis und dem Rezept für ihr augenscheinliches Glück. Obwohl er kein gutes Deutsch sprach, eher ein Mischmasch aus vielen Sprachen, konnte ich seinen Ausführungen recht gut folgen. Er sagte sinngemäß:

„Immer dann, wenn deine Stimmung einmal sinkt, wenn du glaubst, es geht dir nicht so gut, du fühlst dich aus einem Grund benachteiligt, du willst dich ärgern, dann hole erst einmal ganz tief Luft, atme ein paar Mal durch, horche auf deinen Atem. Dann lache erst einmal und bedanke dich bei dir dafür, dass du lachen kannst, bedanke dich dafür, dass du atmen kannst.

Anschließend bedanke dich bei der Natur für die Schönheiten, die du täglich zu sehen bekommst.

Schau über das Meer und bedanke dich für dieses herrliche Geschenk, in dem du baden kannst, wenn dir heiß ist, und welches dir durch ihren Reichtum an Fischen und Meeresfrüchten sogar zu essen gibt. Sag Danke für Sturm und Wind. Der frische Wind kühlt dich, wenn dir heiß ist, bringt Bewegung in das Meer, aber auch in dein Denken. Du ergötzt dich an dem Schauspiel der auf- und abjagenden Wellenberge, hörst das Tosen und Brausen der Gischt, die dir das Gesicht bespritzt, so wie der Regen. Beobachte seine herunterfallenden Tropfen genau und bedanke dich auch bei ihm, denn hier tritt er selten in Erscheinung. Und wenn dein Freund, der Wind, die Wolken verjagt, die Sonne die Erde in ein helles Licht taucht, dich wärmt, so sprich ihr deinen innigsten Dank aus. Bedanke dich dafür, dass es dir gut geht, dass du zu essen und trinken hast, du nicht an Hunger zu leiden brauchst. Bedanke dich dafür, dass du zwei gesunde Hände und zwei gesunde Beine hast, dass du laufen kannst und nicht im Rollstuhl sitzt, du gesund und nicht krank bist.

Irgendein Grund findet sich immer, dankbar zu sein, und dann verfliegt jeder aufkeimende Ärger, verzieht sich so rasch, als bliese der Wind in die Wolken. Bedanke dich dafür, dass du Kinder hast, genieße die Momente, wo du ihnen beim Spiel zusehen darfst, freue dich an ihren Tränen, sie bereiten sie auf das Leben vor. Hast du keine Kinder, so bedanke dich dafür, es ist dir viel Geschrei erspart geblieben. Bedanke dich für deine Jugend oder bedanke dich, dass du bereits so weise bist und den Torheiten der Jugend endlich entwachsen. Bedanke dich für die Liebe deines Mannes oder deiner Frau. Verlässt dich deine Frau oder dein Mann, so bedanke dich dafür, dass du wieder alleine bist und du tun und lassen kannst, was du willst. Es gibt Millionen und Milliarden Gründe auf der Welt, tagtäglich lassen sich neue Gründe erfinden, dankbar zu sein und damit glücklich. Ich bedanke mich heute dafür, dass Stefaane wieder hier ist und du mit ihm. Ist das Leben nicht schön?“

Die Frage hatte er nur rhetorisch gestellt, denn er blickte mir ganz tief in die Augen und beantwortete sich die Frage selbst: „Wunderschön, wunderschön und nicht nur für Stamathis schön, für alle Menschen schön, leider sehen manche Menschen das Schöne zu wenig, ärgern sich zu viel. Ärger macht böse und krank, vergiftet die Seele. Die Menschen sollten vielmehr lachen und fröhlich sein, sich die ausgelassenen Kinder als Vorbild nehmen. Nimm ein kleines Stückchen Sonne und vergrabe es in deinem Herzen. Behüte sie und pflege sie, bald strahlt sie so wie ihre große Schwester am blauen Himmel.“

Er lachte verschmitzt und sagte: „Weißt du, was ich mache, wenn Madame mit mir schimpft? Dann bedanke ich mich still und leise dafür, denn besser sie schimpft, als würde sie ewig schweigen, denn dann könnte sie auch nicht so schön singen oder Stamathis loben, und Stamathis mag es sehr gerne, wenn er gelobt wird.“

Seine Heiterkeit nahm zu.

„Wenn Madame sagt, Stamathis, schau nicht immer hinter den jungen Mädchen her, dann danke ich für meine gesunden Augen!“

Jetzt war es an mir, hellauf zu lachen.

 

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