Renland - eine Weihnachtsgeschichte PDF Drucken E-Mail

(von einem großen Kind für große und kleine Kinder)

Vor langer, langer Zeit, als sich das Leben auf unserer lieben Mutter Erde noch nicht so sachlich nüchtern, denn heute gestaltete, glaubten die Menschen noch an Geister, Zauberer, an ein Hexen-, und an ein Feenreich. Die Sagen, Märchen- und Fabelwelt war in das Leben der Menschen einbezogen, mit diesen eng verwoben.

In den großen finsteren Wäldern hatten sich doch tatsächlich Riesen angesiedelt, in den Berggrotten der mächtigen Gebirgszüge dagegen die Zwerge.  Damals gesellte sich für den des Abends heimkehrenden Handwerksburschen zur Angst vor Räubern, diejenige vor Kobolden, Drachen und dergleichen Unzeug. Dafür benötigten die Bürger und Bauersleut' keine Richter und Gendarmen, denn Recht sprachen Feen, Wassernixen und vereinzelt auch Berggeister. Auch für Spaß war gesorgt, denn so mancher gefochtene Strauß zwischen einem flinken Kobold und dem gutmütigen, dafür stets betrunkenen, einbeinigen Riesen Gondo strapazierte die Lachmuskel der bei einem solchen Großereignis in Scharen herbeigeeilten Zuschauer. Und wie lustig fanden Spötter die Nachricht von der bevorstehenden Vermählung zwischen einem über alle Maßen das Wasser scheuendem Waldschrat und einer possierlichen Seejungfrau. 

In dieser sagenverstrickten Zeit, gab es in der unendlich scheinenden Weite des Atlantischen Ozeans ein klitzekleines Eiland namens Renland. Die Bewohner dieses fruchtbaren Inselreiches, geradlinige arbeitssame und Streit verachtende Menschen hatten sich durch nie enden wollenden Fleiß und harte Plackerei einen paradiesischen Flecken Erde geschaffen. Tagsüber, während die Männer in klobigen Holzbooten dem Fischfang nachgingen, bewiesen die Frauen ihr Geschick im Umgang mit der Natur. Sie pflanzten herrliche Gärten, in denen rote, gelbe, orange und lila Blumen den Ton angaben, zähmten eine auf der Insel ansässige Hirschart, und machten diese zu ihren Haustieren, bzw. Hüttentieren, denn die Inselbewohner wohnten in selbstgezimmerten bescheidenen Holzhütten. Mangels eines vorhandenen Namens bezeichneten die Renländer ihre beflissenen, genügsamen Tiere als Rentiere.

Eines Tages geschah es, als die Männer rechtschaffen müde und voll reicher Beute an Land gingen, sie weder ihre Frauen noch ihre Kinder vorfanden. Die Hütten, die Gärten, zeugten von böswilligem Vernichtungswahn, ihr Paradies ward verwüstet, die Angehörigen geraubt. Ein kriegerischer Barbarenstamm war gelandet, hatte gebrandschatzt, und die hübschen Renländerinnen samt ihren blondenen Nachkommen entführt, einzig um sie zu versklaven. Die Renländer, tief betroffen ob dieses Unglücks, konnten ihrer Verzweiflung kaum Herr werden. Aus seelischem Schmerz und innerlicher Gram verkamen die stolzen ebenmäßigen Gesichtszüge, und tiefe Runen gruben sich ein. Die Trauer über den unerwarteten Verlust machte aus den überwiegend jung aussehenden Männern Greise. 

Die Jahre vergingen, die Renländer hatten sich in ihr Schicksal gefügt, und so gingen sie wie eh und je der Fischerei  nach, und in ihrer Freizeit fertigten sie Puppen, Holzfiguren und anderes Spielzeug an, um die Gedanken an ihr geraubtes Fleisch und Blut aufrecht zu erhalten, und auch wohl deshalb, weil sie insgeheim noch auf ein Wiedersehen hofften. Selbst in dieser alten längst vergangenen Zeit verbreiteten sich Nachrichten über endlos anmutende Distanzen. 

Wie?

Das Rentier erzählte dem Rebhuhn, dieses sprach mit dem Adler, der wiederum schwatzte mit der Möwe, welche das Gehörte sofort ihren Freunden den Pinguinen aufdrängte. Die lustig befrackten Gesellen gaben bei einem Tauchgang an die Wale Nachricht, die das Aufgeschnappte schließlich über das ganze Weltmeer posaunten, bis die Kunde von den im Herzen gebrochenen weißhaarigen Greisen, den Renländern, sogar den Gott des Donners, den allmächtigen Thor erreichte und zu einem Platzregen rührte. Thor, beheimatet im nahen, kalten Island, beschloss zu helfen. Leider waren die geraubten Frauen und Kinder inzwischen aus seiner Gerichtsbarkeit gebracht, und weil das Wiederzusammenführen selbst für einen Gott des Donners unmöglich war, traf er eine andere Entscheidung.

Bei sich zu Hause im eisigen Polarhimmelreich nahm Thor seinen abgewetzten, eisernen Hammer zur Hand, und schlug ihn mit einer unbändigen Wucht auf den steinernen runden Tisch vor sich, sodass die Funken auseinanderstoben, sein Eispalast erzitterte und ganz Island von Blitzen heimgesucht wurde. 

Mit seinen Hammerschlägen hatte er einst die Fruchtbarkeit der Geschöpfe und der Erde erweckt, jetzt hauchte er den Renländern mittels Hammerschlag ewiges Leben, Freude und unbezähmbare Willenskraft ein, und ihren Tieren geflügeltes Leben. Auf Renland selbst änderte sich mit diesem Donnerschlag alles, denn das Leid in den greisen Gesichtern verschwand, machte der Güte Platz. Die trostlose traurige Stille endete abrupt, lauthalses Lachen gepaart mit herzlicher Fröhlichkeit setzte ein, und zwar so spontan und urplötzlich, dass vor lauter Schreck und Aufregung die jungen Vögel aus ihren Nestern purzelten.

Die Männer mit ihren langen weißen Bärten und dem wallenden Haupthaar wussten was sie zu tun hatten, begaben sich sofort an die Arbeit. Sie bauten in Windeseile prunkvolle Kutschen und Schlitten, verstauten darin, das in den letzten Jahren angefertigte Spielzeug, spannten Rentiere vor, trieben diese mit kräftigem „Hohohohoo“ an, und entflogen mit deren Hilfe in die weite Welt hinaus. Die Renländer hatten wieder eine Aufgabe, der sie sich voll und ganz widmen konnten, sie beschenkten arme Kinder in der ganzen Welt, immer zu einem besonderen, nämlich dem Weihnachtsfest.

Dies war die Geburtsstunde der Weihnachtsmänner, und wenn ihr meine Freunde einmal einem großen breitschultrigen Mann mit langem weißem Bart und gütigen Gesichtszügen begegnet, der gerade sein lautes lustiges „Hohohohoo“ erklingen lässt, seid nett, sicher ist's ein renländischer Weihnachtsmann.

 

(CR GUEHA - 1991)

 

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