Mein Neffe Tom und sein Hund Kottan I PDF Drucken E-Mail

Alljährlich in der letzten Woche der langen Sommerferien quartiert sich Neffe Tom bei uns ein, um sich wie er sagt, in Ruhe auf die lange Schulsaison vorbereiten zu können. Selbstverständlich sind meine Frau und ich von dieser Einstellung, mit der Tom dem neuen Schuljahr entgegengeht sehr angetan und nehmen ihn gerne auf. Samt seinem ständigen Begleiter, dem Staffordshire Terrier Kottan, den ihm mein Schwager vor einigen Jahren quasi als Schutz verordnet hat, da Tom immer öfter blauäugig und mit geprellten Knochen zuhause ankam. Mittlerweile hege ich den leisen Verdacht, dass Tom des Schutzes nicht mehr bedarf und stattdessen seinen Weggefährten dazu benutzt um seinerseits Schutzgeld zu erpressen. Denn der knapp 1m90 große Tom steht sozusagen mit beiden Beinen im Leben. Schulisch und sozusagen auch in weltlicher Hinsicht. Dass mein Schwager, der als Arzt sicherlich nicht am Hungertuch nagt, Neffe Tom in finanziellen Belangen äußerst kurz hält, ist mir längst bekannt, umso mehr verwundert mich an Tom der über die Grenzen unseres Haushalts allseits bekannte exklusive und extravagante Geschmack, sei es an Markenklamotten oder lukullischen Genüssen.

Als ich ihn gestern anlässlich seines siebzehnten Geburtstags zum Italiener entführte und ihm die Karte mit den Pizzen reichte, winkte er gelangweilt ab, bestellte für sich lieber Spaghetti mit Cashewkernsauce, il sekondo orderte er Agnello cacio e uova (Lamm mit Käse und Ei), genehmigte sich dazu einen Masetto Nero von Endrizzi, und zur Nachspeise einen Grappa Berta seines Geburtsjahres, was mich dazu nötigte meine Kreditkarte verwenden zu müssen.

Dafür wurde Tom mit jedem geleerten Glas Rotwein gesprächiger und plauderte aus der Schule, erzählte dass sich die fünftausend Euro teure Investition für seine Wahl zum Schulsprecher längst amortisiert hätten und er einige Projekte gestartet hatte, die ihn seinem inoffiziellem Berufswunsch, dem Lobbyisten, näher bringen sollten. Selbstverständlich ein inoffizieller Berufswunsch, beantwortete er meine Frage, offiziell stand für ihn das Wohl der Mitmenschen an erster Stelle, dies mache er als gewählter Vertreter einer Interessensgruppe wie alle anderen Politiker, gestand er mit einem Augenzwinkern. Und während ich noch überlegte ob hier der selbe Tom saß, der vor einigen Jahren noch schüchtern und Nägel kauend vor mir gesessen und auf peinliche Fragen mit einer Veränderung seiner blassen Gesichtsfarbe in ein strahlendes Rot geantwortet hatte, plauderte Tom munter weiter. Via Schulzeitung, deren Redaktion längst auf seiner Gehaltsliste stand, hatte er auf den Direktor Druck ausgeübt und eine bestimmte Marke eines Computerherstellers für die neu anzuschaffenden Geräte gefordert – immerhin hundert an der Zahl -, diesen mit den gratis hinzugelieferten Softwarepaketen überzeugt. Letztendlich waren diese Computer zwar hervorragend, dafür überteuert, die Software wertlos, dafür ging die Kickbackzahlung des Herstellers an Toms privates Konto. Spuren dieses Deals verwischt, schwor er hoch und heilig. Dass ihm frisierte Rechnungen und geschönte Bilanzen nicht fremd waren, schrieb ich nicht alleine seinem Talent zu, eher seinen Genen, denn sein Vater bewies nicht nur mit dem Skalpell sein Talent, auch in der Führung seiner Bücher. Hiebei waren sicherlich weniger Kunstfehler aufgetaucht als bei seinen Operationen, dachte ich.

Logisch, sagte Tom, dass der Direktor in der örtlichen Wochenzeitung als innovativer Erneuerer beschrieben wurde, Kontakte waren eben alles. Und nicht einmal die kleine Spende an den privaten Literaturverein des Schulvorstehers belastete Toms Budget, denn in gewohnter Manier hatte er das Management der neuen, in unmittelbarer Nähe zur Schule entstandene Filiale der Buchhandelskette überzeugt, dass für nächstes Jahr die Gründung einer neuen Schulbibliothek samt zugehöriger Fachliteratur für den EDV-Zweig anstünde.

Wenn ich kurz, wirklich nur kurz, daran gedacht hatte, dass ihn die Frage, wie dies alles mit seinem schulischen Fortkommen in Vereinbarung zu bringen sei, aus dem Konzept bringen würde, oder ihn zum Nachdenken anregen würde, so hatte ich mich erneut in ihm getäuscht. Lässig, die Beine übereinander geschlagen, eine Zigarette in der rechten Hand – nur vor seinem Vater hielt er das Rauchen geheim -, begann er zu dozieren: „Die Schule kann es sich nicht leisten, einen der beliebtesten Schulsprecher durchfallen zu lassen, ich besitze Zeit in einem Ausmaß wie noch nie, und die Matura wird nicht mehr als ein Ausflug in eine Hüpfburg! Irgendwie auch schade, denn wäre es mir möglich ein Jahr zu wiederholen, würde mein Konto um ein Vielfaches anwachsen.“

Nach all diesen Ausführungen wunderte mich nicht im Geringsten, dass er ebenso wie seine erwachsenen Vorbilder auf der Gehaltsliste der Telekom stand, er längst alle elektronischen Einrichtungen des Schulhauses zugunsten von Geräten dieses Konzerns erneuert hatte. „Fünfhundert Top-Handys samt Verträgen, davon zweihundert auf schwarzem Kanal, welche Arbeit“, stöhnte er. „Meine EDV-Gurus um mich haben die Software der dreihundert offiziellen Handys geknackt, sie mit einem Fehler ausgestattet und retourniert. Die Serviceabteilung hat sich entschuldigt, der Auftrag wurde storniert, die Provisionslieferung blieb.“ Tom strahlte mich entwaffnend an, sogar der ansonsten grimmig dreinschauende Stafford Kottan grinste in mein Gesicht, nur meine ablehnende Haltung hielt den Hund davor zurück, mir zum wiederholten Male das Gesicht abschlecken zu wollen.

Zweifelsohne habe ich erkannt, dass Tom die Zeit bei uns nutzen möchte, um in Ruhe seine Geschäfte vorbereiten zu können. Die Erfahrung meines Alters sagt mir, dass ich mit Tom noch viel erleben werde, und zumindest mein linkes Auge lacht dabei. Irgendwie mag ich Überraschungen, denn ich liebe junge Menschen die selbstbewusst und zielausgerichtet im Leben stehen und die alles, nur keine Langeweiler sind.

 

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