| Mein Neffe Tom - Vol_4 |
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Mein Neffe Tom zeigte nicht die mindeste Spur von Bedauern über die noch andauernden Renovierungsarbeiten in seinem Elternhaus, ahmte die von seinem Vater ausgestoßenen Rufe, „diese Handwerker, diese Handwerker“!, nach, wobei er sich die linke Hand auf sein Herz hielt und die leidendste Miene aus seinem Repertoire hervorholte. Meine Laune stieg sprunghaft an, längst war mir der philosophische Gedankenaustausch mit Tom - bei den allabendlichen Rotweingesprächen -, zur lieben Gewohnheit geworden. Obwohl mein Rotweinlager derzeit eine laufend flotter werdende Drehung erlebte, Toms Hund Kottan hatte sein tägliches Quantum von einem Glas mittlerweile auf zwei aufgestockt, so freute ich mich sozusagen tierisch über die Anwesenheit der beiden. Als ich den Stafford Terrier Kottan ob seines voluminösen Weinkonsums sanft rügte, ihm vorwarf, er werde zum Alkoholiker, bellte er mich nur ablehnend an. „Ja, das behaupten alle Alkoholiker, dass sie ihren Konsum im Griff hätten!“, konterte ich. Ein Rohrbruch im Badezimmer bescherte nun auch mir die Anwesenheit von Handwerkern, einzig Tom genoss das Spektakel im Haus. Mit dem Maurer und dem Fliesenleger, zwei Kroaten, verstand er sich auf Anhieb und unterstützte sie nicht nur mit Ratschlägen, legte durchaus Hand an. Mit seiner Blaujacke sah Tom nicht gerade wie ein Schüler aus, das Abschlagen der Fliesen färbte seine Haare grau, und das Flaschenbier stand ihm ausgezeichnet. In der Pause waren sie sich so nahe gekommen, dass sie gemeinsam Karten droschen, der überaus gut gelaunte Tom erließ ihnen sogar die Schulden gegen die Ableistung einiger Überstunden. Tom langte bei der Arbeit dermaßen zu, sein lockeres Mundwerk tat ein weiteres, sodass ihm rasch die Sympathien von Branco und Ivan zufielen. So waren sie bald in Gespräche über Gott und die Welt vertieft. Tom hörte ihren erzählten Geschichten über den Alltag aufmerksam zu, wie sie öfters von Versicherungen oder Werkstätten gelinkt oder über den Tisch gezogen wurden, alleine deshalb weil sie als Ausländer galten, auch wenn bereits fast zwanzig Jahre hier ansässig. Dass Branco seine jüngste Tochter nicht im Kindergarten unterbrachte, berührte Tom. Angeblich zu später Anmeldung wegen, hinter vorgehaltener Hand redete man von zu hoher Quote an Ausländerkindern. Einige Tage später, es war genau zu diesem Zeitpunkt als ich dachte, Tom hätte diese Angelegenheit längst vergessen, grinste er mich an und meinte: „Branco hat angerufen, der Kindergartenplatz ist jetzt fix!“ Bei einem abendlichen gemeinsamen Waldspaziergang mit Kottan, erzählte mit Tom, wie er die Angelegenheit mit dem Kindergarten angegangen war. Seinem Vater hatte er getragene Kleidung zugunsten eines Hilfsprojektes für Kinder abgeschwatzt, samt einigen Bildern und Sachen, die sozusagen den Renovierungsarbeiten im Hause Hawlicek zum Opfer fielen, diese im Internet versteigert, und einen Betrag für Spielzeug samt Begleitschreiben im Namen seines Herrn Vaters an die Stadtgemeinde geschickt, mit der Bitte die Tochter von Herrn Branco K. aufzunehmen, da sich dieser seit Jahren um Restaurationsarbeiten im Hause Hawlicek kümmern würde, und er der Familie sehr nahe stünde. „Was meinst Du, was ich schon alles aus unserem Haus für sogenannte Hilfsprojekte versteigert habe“, fragte mich Tom rein rhetorisch. „Den gesamten Erlös habe ich natürlich nicht überwiesen, wie bei einem Anwalt verlangt ja mein Einschreiten auch nach standesgemäßer Entlohnung“, lachte er herzerfrischend. Und während Tom und ich ganz in unser Gespräch vertieft, nutzte Kottan die Gunst der Stunde und startete los wie eine Rennmaschine in Richtung Waldrand. Keine Schreie und Pfiffe halfen, Kottan hatte ein Reh ausgemacht und hetzte hinterher. Insgesamt zwei Stunden liefen wir kreuz und quer durch den Wald auf der Suche nach Kottan. Vergeblich! Müde, zerkratzt und mit einem langen Gesicht trafen wir zu Hause ein. Keine Ahnung wie Kottan ins Haus gekommen war, keine Ahnung wie er es geschafft hatte die halbvolle Flasche Rotwein in seinen Napf zu leeren, auf alle Fälle schlummerte er gemütlich auf der Ledercouch. Logisch, dass wir ihn nicht ausschimpften, mochten wir ihn doch zu sehr, nur seine Liebesbeweise in Form von „Gesicht-abschlecken“ unterband ich an diesem Abend. Die Alkoholfahne war doch zu ausgeprägt. |



