| Mein Neffe Tom - Vol_3 |
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Wenn ich dachte, dass der Schulanfang meinem Neffen Tom nun einiges abverlangen würde, und seine sonstigen Aktivitäten etwas begrenzen würde, so unterlag ich wieder einmal einer gründlichen Täuschung. Irgendwie zählt Tom zu den Ausnahmeerscheinungen seiner Altersklasse, fast als schützende Spezies zu bezeichnen, wenn nicht gar dem Natur- und Artenschutz unterliegend. Wissbegierig für alles, so belegte er letztes Wochenende ein Motivationsseminar, schrieb sich für ein Abendkurs-Training in Rhetorik und Kommunikation ein, und den Schulstoff der Handelsakademie inhaliert er so zwischendurch. Mit seinen 17 Jahren begeistert ihn Mathematik ebenso wie Buchhaltung und Betriebskunde, denn damit lässt sich Geld verwalten und Gewinn erwirtschaften. Fremdsprachen dienen dazu, sich neue Märkte zu erschließen, daher auch sein Faible für Geographie und Geschichte interessiert ihn, weil man aus ihr wie er sagt, für die Gegenwart lernen könne. „Und mit Kriegen haben die Menschen seit jeher viel Kohle gemacht; nicht die Soldaten, die anderen!“, warf er mit seinem umwerfenden Lächeln ein. Manchmal dachte ich, er müsse einen kleinen genetischen Defekt besitzen, denn immer wenn er dieses, sein ganz bestimmtes Lächeln einsetzte, glänzten seine Augen so komisch, dass mir schien, in seinen Pupillen seien Dollar- und Eurozeichen eingelasert. Seinem Vater gefiel ja, dass Tom sozusagen ein Händchen für’s Geldverdienen zeigte, dagegen konnte Primarius Hawlicek mit der Tom eigenen Vorliebe für das Geldausgeben partout nichts anfangen, und machte sich obendrein Gedanken um das sexuelle Verhalten seines Sohnes, da dieser sich bislang in keiner Weise zu Mädchen hingezogen fühlte, und der Vater befand den Zeitpunkt als höchste Dringlichkeitsstufe. Bei einem Schluck Rotwein in den Hawlicekschen Gemächern hatte mir mein Schwager dies gestanden. Im Gegensatz zu Tom, der sich anderen gegenüber stets großzügig und splendid zeigte, sich selbst schelmisch als modernen Robin Hood bezeichnete, kredenzte mein Schwager in seinem Heim nur Wein der Sonderangebotsklasse, während er sich bei mir zuhause an eher hochpreisigen Getränken labte. So kam es, dass ich Tom im Juni zu einem Galeriefest eines befreundeten Malers mitnahm, dort stieg wie jedes Jahr am 24. Juni das Fest der Sommerweihnacht. Mitten im Sommer, zelebrierten wir dort eine Party inmitten von Weihnachtsschmuck mit Christbaum, Geschenken und alkoholgeschwängerter Stimmung, untermalt von schrägen Weihnachtsliedern und Weihnachtsliteratur. Zum illustren Gästekreis zählten Maler, Balletmäuse, Musiker, Schriftsteller, Journalisten, Theaterleute, all jene halt, die ihrer kreativen Berufsausübung wegen eine Obsession für das Besondere hatten, an nicht alltäglichen Festen Gefallen fanden. Kurzum ein Papageienvölkchen. Ich nahm Monikas Hilfe in Anspruch, sie entstammte meinem näheren Bekanntenkreis, ihre Profession die Psychotherapie und doch oder gerade deswegen unterstützte sie meinen Kupplerplan mit einer Lausbübigkeit, die ich an ihr gar nicht kannte. Mit ihr nutzte ich die Gunst der Stunde und stellte Tom Monikas Nichte Bettina vor, von allen nur Beth gerufen. Diese war ebenfalls noch in Sachen Schule unterwegs, modelte nebenbei. Zur Ausstrahlung und dem Aussehen von Beth nur so viel: sie war ein aufgehender Stern. Die beiden verstanden sich auf Anhieb exzellent, und nach einigen Champagnercocktails entging mir nicht, dass Beth Charmebolzen Tom hoffnungslos verfallen war. Seine ungezwungene natürliche Art zog sie magnetisch an. Nicht nur sie. Sogar meinem Schwager, der zu mitternächtlicher Stunde hereinschneite, gelang es nicht die ausgelassene Stimmung zu kippen, sein Kommentar zur Sommerweihnacht: „schwarze Messe der Künstlergilde, Exaltiertheit pur!“, ging in heiterem Gelächter unter. Tom fühlte sich in diesem Ambiente äußerst wohl, lief zur Topform auf, ständig umringt von attraktiver Weiblichkeit, sodass sein Vater die geheimsten Befürchtungen, Homosexualität betreffend, als unbegründet erkannte und sich in Fachgespräche mit Monika vertiefte, bei denen es um „Analysen zur sozialen Kompetenzfähigkeit, mentale Programmierungen und die Fähigkeit auf Bedarf Leistungen abzurufen“ ging. Ich persönlich kümmerte mich nicht weiter um meinen Herrn Schwager, bewunderte nur dessen Gabe sich mit intellektuellen Inhalten auseinanderzusetzen, während seine Augen sich in Monikas Dekolleté verhakten. Aus dem Plan, Beth mit Tom zu verkuppeln ist allerdings nichts geworden, obwohl alle Beteiligten mehr als zufrieden sind oder zumindest aus der Situation gelernt haben. Beth hat erfahren, dass sie nicht jeden jungen Mann bekommen kann und ich, dass sich die Liebe nicht erzwingen lässt. Tom wird jetzt von Therapeutin Monika gecoacht, damit er ganz im Sinne seines Vaters seine Leistungen allzeit abrufen kann. Nebenbei hat Tom mit Monika ein Verhältnis begonnen, und die wöchentlichen Sitzungen finanziert der Herr Primarius Hawlicek. Und Toms Lieblingsausspruch „learning by doing“ passt auch dazu. Irgendwie. |



