| Mein Neffe Tom – Vol_6 |
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Wenn ich die Aktivitäten meines Neffen Tom betrachte, so wundert mich oft, wie er es schafft alles durchzustehen, quasi alles unter einen Hut zu bringen. Die schulischen Anforderungen belasten ihn so gut wie nicht, er fühlt sich in diesen Belangen eher unterfordert, und da er nach wie vor als ausgezeichneter Schüler gilt, denke ich, dass hier keine Übertreibungen oder Beschönigungen vorliegen. Längst ist mir bewusst, Tom ist anders, wie von einem fremden Stern. Begonnenes führt er mit einer Zielstrebigkeit durch, die an die Motivation von Leistungssportlern grenzt, einiges ist sicherlich auf den genetischen Defekt des Anhäufens von Geld zurückzuführen, nicht verwunderlich dass der Held seiner Kindheit nicht etwa auf Comicfiguren wie Spiderman, Iron Man oder Hellboy basiert, sondern Dagobert Duck heißt. Und während dereinst Walt Disney den beiden Entenhausener Stars Micky Maus und Goofy einen kauzigen Vierbeiner namens Pluto zur Seite gestellt hatte, bekam Tom seinen Weggesellen Kottan. Er hängt mit einer Liebe an seinem American Stafford, die für Außenstehende mitunter fast befremdlich wirkt. Aus meiner Sicht gelten die beiden als eingespieltes Team, immerhin begleitet Kottan seinen Herrn Tom nunmehr seit fünf Jahren. Unzertrennlich die beiden, wo der eine seinen Auftritt ist der andere nicht weit, und kaum ist eine neue Marotte erkennbar, färbt sie blitzartig auf den anderen ab. Als im letzten Schuljahr Toms Deutschprofessorin, Leiterin der schulischen Theatergruppe, ihn für die Hauptrolle in Romeo und Julia zu gewinnen versuchte, kam sie nicht umhin, auch Kottan die Anwesenheit bei den Proben zu erlauben und ihm schließlich einen Platz in dem Stück einzuräumen. Tom war ihre Wunschbesetzung für den Titelhelden und die Nachmittage ohne Kottan zu verbringen?, für Tom kein Thema. Der Erfolg des Stücks fand den Niederschlag in den lokalen Medien, besonders die Schlusssequenz bei der Premiere mutierte zum Stadtgespräch, denn entgegen dem Originaltext indem Romeo bevor er nach der Gifteinnahme zu Boden sinkt, skandiert: „O wackrer Apotheker, dein Trank wirkt schnell. Und so im Kusse sterb‘ ich!“, änderte Tom diesen Text – und ein Blick auf die im Publikum sitzende Regisseurin bewies, dass er dies ohne Absprache mit ihr getan hatte. Anstatt den Giftbecher zu trinken, fischte er eine Dose Red Bull aus der Jacke, riss diese mit einem lauten Plopp auf, trank einen Schluck und sprach leise mit der ihm eigenen Theatralik zu seinem am Boden liegenden Hund: „Nun denn Du wackrer Gefährte Kottan, das Zeugs wirkt schneller als Flügel, so ziehe ich denn zu den Engeln hin!“ Warf sich zu Boden, lag am Rücken, nur die linke Hand hielt weithin sichtbar die Dose Red Bull in die Höhe, während Kottan seinem Herrn abwechselnd das Gesicht und das Getränk ableckte. Das Publikum tobte, Toms Vater neben mir applaudierte wie alle anderen im Saal frenetisch und raunte mir ins Ohr: „Er schafft es doch immer wieder, seinen Kopf durchzusetzen und allem seinen Stempel aufzudrücken.“ „Nicht nur das“, dachte ich, „sicherlich ist ihm nun ein Werbevertrag mit dem Formel-I-Rennstall sicher.“ Das Vieraugengespräch mit der engagierten Regisseurin und Pädagogin überstand Tom mit einem Augenzwinkern, obwohl die Kopfwäsche aus seiner Sicht unangemessen war, denn immerhin prangte in den restlichen Vorstellungen das Schild „Ausverkauft“ im Foyer. Tom profitiert alleine schon durch sein Äußeres. Er, der hochaufgeschossene junge Mann, fesch gekleidet und mit ansprechenden Gesichtszügen, wirkt auf Anhieb sympathisch und der seinem jungen Alter gar nicht entsprechende Sarkasmus wird häufig als Charme verkannt. Das Leben ist für Tom ein einziges Monopoly-Spiel auf der Sonnenseite des Lebens. Seit Tom erkannt hat, dass er bei der weiblichen Spezies gerade ab einem Alter von Mitte Zwanzig hervorragend ankommt, zielen seine Bemühungen eindeutig in diese Richtung. Sein Faible für die lukullischen Genüsse und anderen Annehmlichkeiten des Lebens, seine Markenklamotten sowie sein extravaganter Stil helfen ihm dabei. Dazu kommen der ihm eigene Wissensdrang und seine intellektuelle Ausstrahlung, die es ihm gestatten stets geistreich und als seinem Alter weit voraus zu wirken. Von seinem Vater übernahm Tom die Einstellung „schöne Frauen verlangen nach Luxus und wollen verwöhnt werden“, darum bündelt er seine Kräfte für sein momentan vorrangigstes Ziel, den Führerschein, den L17. Das dazugehörige Auto wollte ihm sein Vater ursprünglich erst zur Matura bewilligen, aber ich denke, dass der Besitz eines standesgemäßen Autos, darunter versteht Tom ein Cabrio, für ihn das geringste Problem sein wird. Die Erlangung der Fahrbewilligung gestaltet sich für ihn jedoch schwieriger als er ursprünglich gedacht hatte. Tom kommt mit den Fahrlehrern, denen er autoritäres Gehabe unterstellt, absolut nicht zurecht. Das Malheur mit seinem letzten Fahrlehrer nahm seinen Lauf als dieser, Toms Gefährten Kottan, den Zutritt in das Auto verweigerte. Der Fahrlehrer war schon nicht erfreut gewesen, dass er Tom im Café abzuholen hatte, und so trafen zwei sehr gereizte Seelen aufeinander. Während Kottan seinem Herrn vom schattigen Sitz der Terrasse traurig nachblickte, fuhr mein Neffe missmutig und leicht nervös in die Kreuzung ein, prompt starb ihm Motor ab. Mitten auf der Kreuzung. Tom war absolut nicht in der Stimmung, das sich über ihn entladende Donnerwetter so einfach hinzunehmen, deshalb zog er den Schlüssel ab, riss die Tür auf und eilte von dannen. Das wilde Gehupe der Autos war noch minutenlang auf der Kaffeehausterrasse zu vernehmen, wo Tom und Kottan das Nervenkostüm mit einem guten Glas Rotwein glätteten. Nicht einmal ich, sein einziger Onkel - von ihm mit dem Attribut Lieblingsonkel ausgezeichnet -, konnte bei der Fahrschule die Sache hinbiegen, und aus diesem Grund sucht Tom nun nach einer Fahrschule mit weiblichen Fahrlehrern.
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