Mein Neffe Tom – Vol_5 PDF Drucken E-Mail

Mein Neffe Tom ist sich darüber im Klaren, dass er nur mit einer fundierten Ausbildung an die Spitze der Futtertröge – um in seinem Jargon zu bleiben -, vordringen kann. Deshalb interessiert er sich für sozusagen alles, arbeitet stets daran, sein Netzwerk auszuweiten. Wie eine Spinne webt er sein Netz, frei nach dem Motto: kleine Gefälligkeiten erhalten die Freundschaft.

Häufig agiert Tom nach der Devise: „Nur nicht erwischen lassen“, deshalb setzt er alles daran um aus Fehlern anderer zu lernen. Daher liest Tom täglich diverse Zeitungen, Nachrichtenmagazine und Wirtschaftsblätter um sich über die aufgedeckten Skandale am laufenden zu halten und die Methodik und Vorgangsweise der involvierten Personen zu studieren.

Tom führt zum Beispiel immer einen Störsender mit, der es einem etwaigen Gesprächspartner unmöglich macht Gespräche oder Videos von ihm unerlaubt aufzunehmen. Dieses Störgerät verzerrt das Gesprochene oder mit versteckter Kamera gefilmte Material ins Unkenntliche. Diese Geräte bezog er über eine Firma, bei der sonst nur Militärische Einrichtungen bestellen. Ansonsten, aber wie er es ausdrückte: „mit etwas Goodwill und den Basiskenntnissen des Hackertums“, gelang es ihm von diesem Anbieter einige offiziell nicht erhältliche Spionageutensilien zu beziehen, das Ganze abgewickelt über eine Liechtensteiner Adresse.

Diese Vorsichtsmaßnahmen findet Tom keinesfalls überzogen, lässt er sich doch bei mir häufig über die Verhaltensweisen von mit Korruptheit behafteten Politikern – über welche die Zeitungen alltäglich berichten -, in Bezug auf ihren Dilettantismus aus. Tom selbst vertritt den Standpunkt, dass viele Vergehen gar nicht bekannt geworden wären, hätten die Verantwortlichen nicht gar so große Gier an den Tag gelegt. „Kleinvieh macht auch Mist“, meint er, und erzählt mir von der fünfseitigen Informationsbroschüre „Eine MILLION in 365 Tagen“, die über eine seiner Websites zum Preis von € 1.99 angeboten wird. Außer einigen gut gemeinten Ratschlägen rund um die Thematik Geld bietet diese Broschüre so gut wie nichts, liest sich nicht besser als die Tipps von Schuldnerberatungen, jedoch fetten die mehr als zwanzigtausend Downloads Toms Konto beachtlich auf.

Ebenso findet Tom den Einsatz von Abhörwanzen und versteckten Kameras nicht verwerflich. Er benutzt gelegentlich derartiges Zubehör um an Prüfungsfragen für Schularbeiten zu gelangen, welche er dann kurzfristig im Internet über eine Scheinadresse anbietet. Dass das Bekanntwerden von derartigen angewandten Praktiken eines Schülers einen mittleren Skandal auslösen könnte, befürchtet Tom nicht im Geringsten. Er meint, wenn das Nachrichtenmagazin profil die Telekom mit dem schwerwiegenden Verdacht konfrontiert, die Telefone von Staatsanwälten und Polizisten abgehört zu haben, so sei seine Vorgehensweise höchstens als übermütiger Schülerstreich zu bewerten.

Meinen Einwand, die Ethik betreffend, tut Tom lächelnd ab, sagt nur: „Herr Richter, zu meiner Verteidigung bringe ich vor, als junger Mensch orientiere ich mich an den gewählten Vertretern unseres Volkes, den Politikern. Dabei klopft Tom gönnerhaft seinem Hund Kottan auf das Haupt, und es scheint mir, die beiden grinsen mich spitzbübisch an. Beide!

Als Tom dieser Tage morgens mit Sonnenbrille aus der Dusche kam und ich fragend die Augenbrauen in die Höhe zog, er mir rasch einen Blick auf sein blaues Auge gestattete, indem er lässig die Brille lüftete, konnte ich nicht umhin um den Spruch loszuwerden: „Geld alleine macht nicht glücklich!“

Er grinste mich nur matt an, verschob die Erklärung auf später, versprach mir bei einem gemeinsamen Frühstück in seiner Freistunde – zu dem er mich großzügig und galant einlud -, alles zu berichten.

Manchmal kommen mir Toms Handlungsweisen so vor, als würde man einem kleinen Jungen eine markierte Linie quer durch einen Raum ziehen und gleichzeitig das Verbot aussprechen, die Linie nicht übertreten zu dürfen. Ein vorsichtiger Schritt über die Linie, dann ein zweiter, ein dritter und so fort.

In dieser Art etwa testet Tom mitunter die Menschen. So machte es ihm ungeheuren Spaß bei einer Polizeikontrolle in der Stadt einen Angetrunkenen zu spielen, und zu seinem Vesparoller zu torkeln, in der Hoffnung, die Polizisten würden ihn einem Alkotest unterziehen, und der würde sie dann alt aussehen lassen. Dachte er. Stattdessen rief der eine Polizist: „ach herrje, der junge Herr Hawlicek heute in Öl gebadet!“, und flugs kassierten sie ihn in ihr Dienstauto, lieferten ihn lachend bei seinem Vater ab. Der fackelte nicht lange, als ihm die Polizisten erzählten, sie hätten Tom alkoholisiert und festen Willens vorgefunden, sich mit seinem fahrbaren Untersatz auf den Heimweg zu machen.

Beim Frühstück im Café, bei Melange und Prosecco, Lachsbrötchen und Spiegeleiern gewann Tom seinen Humor zurück, und meinte: „Gute Beziehungen sind einfach alles. Drei Dinge habe ich nicht ahnen können: 1. dass mich die Polizisten kennen, 2. dass sie mich, auf dem kurzen Dienstweg sozusagen, sofort in ihr Auto zerren und 3. habe ich die harte Gerade meines Vaters schlicht und ergreifend unterschätzt.“

Auch Toms Hund Kottan tat das Frühstück in entspannter Atmosphäre offensichtlich gut, denn ganz entgegen seiner Gewohnheit nur sündteuren Rotwein zu trinken, schlabberte er diesmal genüsslich zwei Gläser Prosecco und schlang die Beläge von sechs Lachsbrötchen hinterher. Und da sowohl Tom als auch Kottan ihrer Brieftasche nicht fündig wurden, blieb das Bezahlen der Rechnung wieder einmal an mir hängen.

 

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