| Krankenhaus (aus dem Roman TRICHTERSPRUNG) |
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1 9 7 3 (Anmerkung: Der Erzähler Stefan H. = 1956 geboren) Und wiederum, wie so oft, eigentlich ausschließlich im letzten Jahr, verbrachte ich den Samstagnachmittag in dem kargen Spitalzimmer. Die Augen rollten langsam, mein Blick suchte in dem tristen Raum einen Anziehungspunkt, fand keinen, versuchte die Wände zu durchdringen. Hinter den schweifenden Blick schob ich Gedankenbilder meiner Fantasie, dachte an dies, an jenes, an vieles, an nichts, wartete, dass die Zeiger der Uhr ein Ende ankündigten. Ich vergrub mich und mein Denken in Fantasiegemälden, reagierte kaum; mein Vater wertete dies als Anteilnahme. „Erzähl ihr etwas.“ Was sollte ich erzählen, etwas erfinden vielleicht? Meine Lippen lächelten sie an, die Lippen. Trotzige Augen lachen nicht, geschweige denn lächeln sie. Dies war nicht meine Welt. Ich war ein Wochenendarrestant. So wie die Krankheit sie gefangen hielt, sie dahinsiechen ließ, machte ihre Krankheit mich, ihren Sohn, ebenfalls zum Gefangenen. Mein Verlangen, bei der Mutter zu sein, war in den vergangenen Monaten versiegt. Die unzähligen, hier im Krankenhaus vor ihrem Bette abgesessenen Stunden laugten mich aus, zerstörten etwas in mir, von dem ich nicht wusste, was es gewesen war. Zu viel, zu oft, zu lang, die Samstagnachmittage und -abende zogen sich ins Unermessliche. Sie endeten immer um 20 Uhr mit einem Besuch in unserem Kleinstadtkino. Diesen verdankte ich der einfühlsamen und verständnisvollen Pädagogik meines Vaters. Diese Phrase drosch er nicht, um sich selbst auf die Schulter zu klopfen, er glaubte an sich und seine Methoden. Meiner Schätzung nach hielt er sich für nicht hundert-, aber zumindest neunundneunzigprozentig. – Ein Millimeter an der Unfehlbarkeit vorbei. Des Nachts suchten mich Schweißausbrüche und fremdartig anmutende Träume heim. Sonntag. Nach dem Krankenhausvormittag das Mittagessen, eingenommen im besten Gasthof der Stadt. Der Appetit blieb aus, die Leibspeise war Fraß, so wie Fraß Leibspeise gewesen wäre. Eine Tischunterhaltung kam nie auf. Mein Vater stellte nur Fragen bezüglich Schulfortkommen und Internat. Ich antwortete zögernd, vorsichtig, das nächste Zeugnis würde ohnehin meine Lügen entlarven. Der Nachmittag brach an, die Stunden vor ihr vergingen schneller, das Ende war abzusehen. Die Verabschiedungsszene die gleiche wie jede Woche, ihre mühsam hervorgemurmelten Worte wie üblich nicht zu verstehen, meine Lippen küssten fahle Wangen, vor einer Berührung mit dem andauernd Schleim ausstoßenden Mund ekelte mich. Gedankengänge trafen auf Empfindungen. Durfte ich diesen Ekel empfinden? Sicher nicht, schlechtes Gewissen plagte mich. Verstört wie immer verließ ich den Raum, mein Herz hinterließ eine Fremde. Was sollte ich mit einer Mutter, die mich kaum verstand, die ich nicht verstand, die niemand verstand, die mir nicht helfen konnte, die meine Freiheit, meine Wochenenden brutal zerstörte? Am Bahnhof erhielt ich vom Vater nebst Taschengeld jede Menge Ratschläge, die, schulmeisterlich vorgebracht, nach Befehlen und Vorwürfen klangen. In seinen Ausführungen kam der Vater nur schwach zum Vorschein, der Lehrer in ihm überwog. Sonntagabend mit der Reise nach Gmunden ins Internat kehrte meine Welt zurück. Die Ängste des Alltags nahm ich gerne in Kauf, ich traf wieder auf meine Freunde, meine Kollegen, auf die ungeliebten, vereinzelt sogar verhassten Erzieher, die Lehrpersonen. Das Beklemmende des Wochenendes war Vergangenheit. Die von meinen Internatsfreunden erzählten Wochenenderlebnisse glichen Abenteuerromanen, die mich ins Abseits drängten. Wen hätte die Beschreibung von unendlich dauernden Krankenbesuchen interessiert. Ich bastelte mir ein Fantasiegebilde, die Fantasie geriet zur Lüge, die Lüge für mich zur Wirklichkeit. Um meine Empfindungen baute ich einen Schutzwall, uneinsichtbar für Freunde sowie für Feinde. Die Angst vor der Entlarvung meiner Fantasiegebilde als Lügenmärchen drangsalierte meine Psyche. Ein neuer Schutzwall. Ich setzte mich gegenüber den Lehrern, den Erziehern in Szene, angriffslustige und freche Äußerungen taten ein Weiteres. Die Pädagogen nahmen mich ernst, sahen nicht durch meinen Wall, wollten Wall und Willen brechen. Wohl schmerzten erhaltene physische wie psychische Schläge, die Anerkennung bei Freunden und Mitzöglingen wog die Schmerzen auf. Freunde gaben moralischen Halt, konnten manchmal sogar Trost spenden, immer dann, wenn Empfindungen als Tränen flossen. Erzieher wollten nicht sehen, gleichgültig und blind prügelten sie die jugendlichen Seelen. Für Schläge zahlt mein Vater Internatsgeld, dachte ich des Öfteren verzweifelt und verbittert.
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