Kinderschubhaft PDF Drucken E-Mail

1.     „Ich kann nicht atmen, die Angst frisst mein Herz“; zitternd stand das Mädchen im kalten Raum, hielt mit klammen Fingern die Hand ihrer Schwester fest, als hätten die Beiden Angst entzweit zu werden. Fühlten sie sich doch auch so, alleine gelassen und unendlich einsam auf dieser großen, ach so bitter schmeckenden, weiten Welt. Es war wie damals, als diese großen Bulldozer die Häuser in den Straßen platt gewalzt hatten, als sie Angst bekommen hatten zermalmt zu werden, als sie die Mutter getröstet hatte: „Diese Maschinen machen doch keine Menschen platt!“ Genauso fühlten sie sich in diesem Augenblick, in dem eine Maschine, die andere Menschen als „den Staat“ benannten, ihr Leben, ihre Heimat, oder besser das, was sie für Heimat gehalten hatten, zermalmte.

So viele Fragen tauchten mit einem Male aus dem Nichts, so viele fremde Worte, die das Mädchen nicht verstand, so viele Menschen, vor denen sie Angst bekam und deren kalte Gesichter ihr die Luft zum Atmen nahmen.

Vater hatte bei den Worten „Abschiebung“ und „Schubhaft“ aufgeschrien, die Uniformen hatten ihn fest gehalten, so fest, als wollten sie ihn zerdrücken, zermalmen, und erneut zogen die Bilder mit den Bulldozern in ihr auf, Bulldozer, die alles vernichtet hatten.

„Die Lehrerin hatte so oft von Heimat gesprochen, neue Heimat, Gebräuche und Sitten kennenlernen, die Heimat lieben. Wo war nun diese Heimat? Heimat war ein Wort, ein Begriff nur, etwas was man nicht anfassen konnte, und etwas was sich in Luft auflösen konnte, wie eine Seifenblase. Warum passten die Wörter Österreich und Heimat nicht zueinander, warum endete genau an diesem Tag für sie und ihre Schwester die Heimat Österreich?

Wohin nur? Wo war Mutter, wer waren diese Menschen? Und wie unendlich kalt fühlte sich dieser leere Raum an!

 

2.     Weit entfernt von dem Platz, an dem die beiden Mädchen untergebracht waren, versiegte der Frau, aus deren Mund die Worte zu anderer Zeit nur so sprudelten, die Stimme, als sie an ihre beiden Schülerinnen dachte. „Was passiert bloß in diesem Land“, Schultag um Schultag hatte sie ihnen Mut zugesprochen, sie beruhigt, ihnen dieses wunderbare Land näher gebracht, das nun ihre Heimat war, oder besser: gewesen war!

„Kinder sind das köstlichste Gut des Volkes, und dessen Zukunft“, genau so hatte es der Politiker formuliert, als er am Tag der offenen Tür in ihrem Klassenzimmer zu den Kindern gesprochen hatte, oder vielmehr hatte er es zu den Presseleuten gesagt, deren Blitzlichtgewitter die Kinder genossen hatten; ebenso wie das Kinderbuffet Spaß und Freude bereitet hatte. Zu schnell hatte sich die Erde seither gedreht, die Worte verdrehten sich im Rückblick zu unfassbaren Handlungen, so als hätten sich  am Himmel aufgezogenen Wolken zu einem Sturm formiert, der die Mädchen in den Kosovo verwehte, vertrieb.

 

3.     Auch bei vielen Erwachsenen ziehen Gedanken mit Fragestellungen auf, die keinerlei Antworten bereithalten, die jede Logik ad absurdum führen, Gedanken die das Denken zur Qual verkommen lassen.

Und mit dem Denken breiten sich negative Emotionen aus, die in ihrer frontalen Direktheit, altes, längst überwunden geglaubtes Gedankengut aufleben lassen. Im Sumpf und braunen Morast versinkt die Toleranz gegenüber anderen Kulturen, und denjenigen, die diesen Kulturen entstammen.

Das 21. Jahrhundert ist weit davon entfernt, jene Verantwortung sichtbar zu machen, die reichen Ländern zustünde.

Übrig bleiben Schlagworte, in der Luft verpuffte Worte.  Unfassbar was derzeit geschieht: In Stuttgart brachen Schlagstöcken auf Kinder nieder, der diffizile Widerpart passierte in Wien. Zwei neunjährige Mädchen inhaftiert, einzig wegen des Stigmas, Kosovo.

…Und die Zellenacht schluckt Tränen, und zwei Kinderseelen erfrieren einsam in der Dunkelheit………..

 

 

 

 

 

Texte

  • Ludwig Hirsch – Damals
    Damals im Jahr 1983, als die Grenzen Österreichs noch streng abgesichert waren, damals als Fred Sinowatz österreichischer...
    mehr...
  • Mein Neffe Tom – Vol_6
    Wenn ich die Aktivitäten meines Neffen Tom betrachte, so wundert mich oft, wie er es schafft alles durchzustehen, quasi...
    mehr...
  • Mein Neffe Tom – Vol_5
    Mein Neffe Tom ist sich darüber im Klaren, dass er nur mit einer fundierten Ausbildung an die Spitze der Futtertröge –...
    mehr...
  • Mein Neffe Tom - Vol_4
    Mein Neffe Tom zeigte nicht die mindeste Spur von Bedauern über die noch andauernden Renovierungsarbeiten in seinem Elternhaus,...
    mehr...
  • Mein Neffe Tom - Vol_3
    Wenn ich dachte, dass der Schulanfang meinem Neffen Tom nun einiges abverlangen würde, und seine sonstigen Aktivitäten...
    mehr...
Website by Tridolphin