Jureks Freund PDF Drucken E-Mail

Mit dem Handscanner, der in der Hand lag wie eine Pistole, den Strichcode anschießen. Die Palette oder das Paket aus dem Waggon entladen, zum vorgesehen Platz mit dem Stapler fahren, Code anschießen, der Scanner pfeift, schnell auf den Ladeplatz. Die Nacht fließt in den Tag, das Morgengrauen schreit durch Arbeit. Desto mehr Morgen, desto mehr Pakete, immer mehr Waggons. Scanner, Strichcode anschießen, Anzeige auf dem Scanner beachten, auf den vorgegebenen Warenplatz fahren, Paket absetzen. Stunde um Stunde, Nacht bis in den Tag, Schichtwechsel um acht Uhr.

Der Rhythmus kam abhanden, in der Luft schwang die Unruhe mit, die sich allmählich, so wie sich ein kleines Feuer rasant ausweitet, immer mehr in den riesigen Lagerhallen breit machte, immer mehr die Oberhand bekam. Es war nicht die allmorgendliche, jede Schicht gleiche, stressbetonte Stimmung, nein, Unruhe lag in der Luft. Heute war irgendwie alles anders. Unruhiger.

Jurek fragte nicht nach, übernahm mit einem Nicken das in Zeitungspapier eingewickelte kleine Ding, verstaute dieses in der Seitentasche seines Arbeitsoveralls. Martin dankte ihm lautlos. Martin war Jureks Freund, ihn mochte er nicht nur, ihm vertraute er wie einem Bruder. Es ging nicht um die Bewandtnis dieses Gegenstands, wenn Martin zu ihm sagte, „verstau dies“, so tat Jurek das ohne zu fragen, ohne zu überlegen. Zu was waren Freunde da. Die monotone Arbeit vermochte nicht das Denken von Jurek abzustellen, irgendwie eilten seine Gedanken den Handlungen voraus, Fragen tauchten auf, rasch diese versenkt, tief wie in ein schwarzes Loch geworfen, und doch schrie ihm dieses Loch zu. Den Gang auf die Toilette nutzte Jurek dazu, den Umkleideraum aufzusuchen und den Gegenstand in seinen Rucksack zu verfrachten, rasch den Spind wieder abgesperrt.

Ein Waggon fasste um die dreißig Paletten, Palette um Palette zum Aufzug gefahren, so entleerte sich Waggon für Waggon, dreißig Pfeiftöne des Scanners, dreißig Signale beim Anschießen des Codes auf dem Lift. Zu jedem Zeitpunkt war für die Technik nachvollziehbar, wo sich ein Paket, eine Palette befand, auch wenn die Hallen mehr als hundert Meter lang waren. Strichcodes sorgten für die jederzeitige Auffindung jeglichen Transportstückes. Das System zeugte nicht nur von Effizienz, bewies sich gleichzeitig als Detektiv und Überwachungspersonal, Kameras taten das Ihrige. Mit jedem Paketstück das Jurek entlud und auf dem ihm durch die EDV zugewiesenen Platz abstellte, wurde Jurek daran erinnert, welch permanentes Sicherheitssystem hier vorherrschte, dass es schier unmöglich war, ein Paket nach draußen zu schleusen. Warum kamen ihm diese Gedanken gerade heute, gerade in diesem Moment, an einem Tag, da er einen kleinen, in Zeitungspapier gewickelten Gegenstand, von seinem Freund angenommen hatte, ein Gegenstand mit dem es sicher eine Bewandtnis hatte, eine Bewandtnis die Jureks Bauch aushöhlte.

Das grelle Surren der Schichtsirene beruhigte Jurek, aufatmend stellte er sein Arbeitsgerät auf dem markierten Platz ab, begab sich zum Aufgang in die Personalräume, schob seine Identitätskarte in den Schlitz, stempelte aus. Rasch noch eine Dusche und ab. Knapp neun Stunden waren mehr als genug, auf in den Tag, auf in den Schlaf.

Jurek hatte es gespürt, heute war alles anders, unruhiger, lauter, hektischer. Allen Arbeitern der Schicht, immerhin waren es mehr als fünfzig Personen, verweigerte die elektronische Ausgangstür den Weg in die Freiheit. Leuchtanzeige als auch Lautsprecheranlage befahlen die Arbeiter in den Lehrsaal. Aus, Schnitt, dachte Jurek, in was bin ich da hineingeraten? Und doch überlegte er, warum sollte es gerade mit diesem Gegenstand zusammenhängen, den ihm sein Freund übergeben hatte. Martin war doch sein Freund? Ja. Einer der wenigen die er hier hatte, einer der wenigen, auf die er sich verlassen konnte, einer der wenigen, die ihn noch nie enttäuscht hatten.

Kopf hoch, sagte er sich, und zwang seinem Mund ein Lächeln auf, ein Lächeln so müde wie die Schicht.

Im Lehrsaal lief der Film ab. Jurek sah diesen Film, begriff den Inhalt, sah nur von außen zu, nahm nicht teil. Kriminalbeamte, Zwangsperlustrierung, einer nach dem anderen, Angst in vielen Gesichtern, oder war es Unsicherheit? Als die Beamten das Prozedere mit Martin abgeschlossen hatten, und Martin mit einer Unverschämtheit grinste, die Jurek in den Eingeweiden stach, wusste er, dass er in den Dreck gegriffen hatte.

Alles Weitere war wieder ein ablaufender Film. Jurek gab keine Erklärungen ab, beim Hinausgehen schmerzten ihn nur die Handschellen, und das Wissen, dass Martin nie sein Freund gewesen. Benutzt hatte er ihn. Aus, weg die Arbeit, aus, Schande, alles vorbei.

Schnitt.

Das Urteil in der Verhandlung nahm Jurek zur Kenntnis, erneut ein Film. Der Anwalt mit dem blütenweißen Hemd, der ihm zuwider war, Jurek hasste diese Körperausdünstung. Bild für Bild lief ab, manchmal hielt die Tonspur mit den Bildern nicht mit. Der Richter sprach von Tat und Schuld angemessen, der Anwalt meinte, Jurek müsse zufrieden sein. Was waren schon acht Jahre für Totschlag?

 

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