Internat (aus dem Roman TRICHTERSPRUNG) PDF Drucken E-Mail

Internat 1973 (Anmerkung: der Erzähler Stefan H. ist 1956 geboren...)

Der neue Tag kündigte sich mit Sonnenstrahlen an, die den See auf Hochglanz polierten. Die Luft schien statisch geladen, roch nach Spannung, nach Elektrizität, nach Donner und Auseinandersetzung. Ein Tag vor den Osterferien. Die Schule hatte ich innerlich abgehakt, schwebte bereits im Ferientaumel. Der Vormittag plätscherte seicht dahin wie ein kleiner sich durch die Landschaft schlängelnder Bach, der bei Kehren lustig gluckste, auf dem Weg zur Mündung. Allzeit bereit ein reißender Strom zu werden.

Der Nachmittag war ein Spaziergang mit Romana, ein unendlicher Kuss sozusagen, durchbrochen von unseren Worten, unseren gegenseitigen Liebesbeteuerungen. Wir führten Gespräche über das Ich, den jeweiligen Menschen, die Gedanken. Wir gingen so, dass die Aprilsonne in unsere glücklichen Gesichter schien. Ich wünschte mir dieser Spaziergang ohne Ende, immer so mit ihr dahingehen, in die Sonne schauen und gleichzeitig die Sonne neben sich spüren. Ich sagte es ihr, sagte es zu mir, schrie es über die Wiese: „Ich bin verliebt, ich bin verliebt, ich bin verliebt!“

Die Erde hatte sich unter mir gedreht, die Finsternis war verschwunden, endlich lebte ich unter der Sonne. Wie lange wohl? Ich wischte die Schatten weg, genoss das Jetzt. Mein junges Leben strahlte, Romana spendete den Glanz. Ich küsste und küsste sie, strich über ihre weiche Haut und ihr geschmeidiges Haar, bereit in ihr zu ertrinken. Die Holzbank lud uns ein, ertrug stillschweigend die ungestümen Umarmungen unserer Leidenschaft. In unserem gegenseitigen Festhalten flüchteten wir vor den über uns schwebenden Wolken des Abschieds. Morgen begannen die Ferien. So sehr ich darauf gewartet hatte, so ungelegen erschienen sie mir jetzt. Abschied, welch bitter schmeckendes Wort. Für elf Tage verschwand meine Sonne von meinem Himmel. Welch ein unabsehbarer langer Zeitraum, wenn man die kurze Dauer unseres Zusammenseins bedachte. Romana flüsterte mir Liebesschwüre ins Ohr, sie kitzelten mich angenehm. Die Uhrzeiger fraßen uns die Zeit weg. Ein letztes Mal bewunderte ich ihr Gesicht, dachte, dass ihr gepresstes Lächeln meiner Wehmut entsprach, wir rissen uns los. Tschüss ... servus ... ich liebe dich ... wir telefonieren ... hab dich lieb ... servus ...

Sie winkte mir, ich hob die Hand, sie war schon im Hauseingang verschwunden. Auf dem Weg ins Internat trödelte ich, lenkte meine Gedanken zurück an Romana, schwelgte in dem Feuer, welches sie in mir entfacht hatte. Ich brannte vor Glück, die Hitze meines Herzens stach in meiner Brust. Ich fühlte, dass die Stiege zur Zukunft nicht so steil verlief, wie anfangs angenommen, sah die golden und silbern funkelnden Stufen, nahm mir vor, auf dem Weg in das flirrende Morgen die Vergangenheit wie Ballast abzuwerfen. Ich wollte sie an der tiefsten Stelle versenken, dass niemals mehr auch nur ein Schiefer oder Fingerhut davon an die Oberfläche treiben konnte. Die wahre Geburt von Stefan H. geschah in diesen Tagen, geboren aus der Kraft des Lebens und der Liebe, die wie ein Blitz in mich einschlug.

 

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