| Heide erzählt (aus dem Roman TRICHTERSPRUNG) |
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HEIDE erzählt: Ich liebte diesen Mann so sehr, betrachtete die Stunden mit ihm als Geschenk, schenkte mich ihm, beschenkten uns so gegenseitig. Die Liebe mit ihm war nicht mit normalen, den herkömmlichen Beziehungen genügenden Maßstäben zu messen, sie loderte und verbrannte mich zeitweise. Tief in mir warnte mich eine Stimme, ich kämpfte gegen die Alarmsirenen an, wollte nicht mehr umkehren, hatte Blut geleckt. Wenn es sein musste, war ich bereit für diese Liebe zu bezahlen. Meine Gefühle und Leidenschaften passten sich dem Rhythmus der Natur an, ich lebte im Rhythmus der Jahreszeiten, inbrünstig hoffend der Sommer würde in den Herbst wachsen, der Herbst in den Winter. Aber ich verstand, dass dies nur eine Hoffnung war, ein Wunsch eben. Dem Tag folgte die Nacht, dem Sommer der Herbst, dies entsprach dem Lauf der Natur. Und so wusste ich tief in der Dunkelheit meiner Seele, dass irgendwann der Tag kommen würde, das Glück mich nicht auf alle Ewigkeiten so verwöhnen wird. Ich betete zu Gott, das Wasser der Welt sollte noch einige Male an mir vorüberziehen, mir das Glück gestatten, von dem ich immer geträumt und welches ich nun gepachtet ... auf einige Zeit, auf einige Zeit noch, ich betete darum. Die Erinnerung steckte in meinem Herzen, blieb mir für alle Zeiten, um sie nach Bedarf abzurufen. Kein Dieb konnte mir die Erinnerung entreißen, sie verlöschen. Ich entsann mich eines traurigen Gedichtes über die Erinnerung. Schade, dass mir der Verfasser fremd war. Erinnerungen Was du erlebt hast, kann dir niemand mehr nehmen – das sagt man. Aber niemand kann es dir wiedergeben – das unterschlägt man. Erinnerungen sind tote Erlebnisse, die nur durch die Kraft unserer Sehnsucht nach ihnen zeitweilig ein Scheinleben bekommen. Selbst gemachte emotionale Gespenster, die sich in Luft auflösen, wenn wir Leben von ihnen verlangen. Ich betete nicht zu einem Gott, sondern zu vielen, zu den Göttern der Natur, zum Gott des Wassers, zum Gott des Feuers und zu meinem speziellen Gott, einer weiblichen Gottheit, der Göttin des Lichts. Diese war für mich die Hüterin der Kraft, der Ursprung allen Lebens. Ihre Energie machte die Sonne leuchten und hauchte der Welt den Atem des Lebens ein. Ich mochte die Sagen und Geschichten über die griechische Mythologie, in denen unzählige Gottheiten sich das Leben untereinander nicht nur versüßten, auch sehr schwer gestalteten, mochte die Verschiedenartigkeit ihrer Wesen und Charaktere, erfreute mich schon als Jugendliche an deren Eigensinn. Diese Götter waren plastisch, für mich vorstellbar, nicht so wie die Pfarrer und Theologen den Gott der Katholiken beschrieben. Ein Gott für alle fand ich als nicht ausreichend, als undemokratisch. In einer Zeit, in der eine Regierung aus unzähligen Ministern und einem Staatschef bestand und diesen wiederum unzählige Berater zur Verfügung standen, und dies alles nur für jeweils ein Land; in so einer Zeit sollte ein Gott genügen? Schwer vorstellbar! Ich lachte und bastelte mir lieber meine eigene Welt mit eigenen Göttern zusammen. Ich liebte die mythischen Geschichten vergangener Zeiten, in denen die Sonne eine zentrale Rolle gespielt hatte, als wichtiger Naturgegenstand, als Erzeugerin des Lichtes, des Lebens, der Fruchtbarkeit, als Teilerin der Zeit, als Weiserin der Wege, als Objekt kultischer Handlungen. So entstand einst die Sonne aus einer weiblich gedachten Tiefe, erstrahlte daraus hervor, flog auf den Himmel und stieg wieder hinab in die Tiefe, von geheimnisvollen Mächten in die Unterwelt gelockt, hinabgezwungen. Dort fuhr sie in einem goldenen Nachen über das Nordmeer nach Osten und entstand erneut. Entweder sie selbst ward wiedergeboren oder eine neue Sonne entstand. Meiner besonderen Zuneigung erfreuten sich die Religionen, in denen die Sonne als der Held siegreich gegen die Finsternis und ihre Dämonen ankämpfte. So einen Helden benötigte ich, um die Geister und Dämonen meiner Ängste zu vertreiben. |



