HEIDE – Der Urlaub (aus dem Roman TRICHTERSPRUNG) PDF Drucken E-Mail

(aus Buch drei: HEIDE erzählt)

Und zweitens kommt es anders, als man denkt. Griechenland. Die Sonne lehrte uns erneut lachen, lachen über unsere Ängste und Befürchtungen. Am zweiten Tag löste sich Stefan total, war wieder der, den ich kannte und liebte. Er buddelte am Strand ein kleines Loch in den sandigen Schotter und begrub symbolisch seine Vergangenheit, inklusive seiner auf diesem Lebensabschnitt basierenden Ängste. Die Grabrede sprachen unsere Gedanken, derweil Stefans Füße die Ruhestatt ebneten. Stefan benützte das Weihwasser nicht nur zum Sprengen, er trank nichts anderes. Mineralwasser mit Gas, staunend freute ich mich. Drei Tage trank Stefan keinen Tropfen Alkohol, rauchte in Maßen, lud seine Batterie. Meine Lieblingsgöttin, die Sonne, hauchte meinem Mann Lebensmut und Lebensgeist ein, erfüllte uns mit Vitalität; vitae ist Leben. Zum Dank opferten wir ihr unsere Körper. Sie nahm das Opfer an, kennzeichnete uns als zu ihr gehörig, tönte auf der Stelle unsere Haut. Von Ruhe und Sonne getragen fand Stefan zu sich selbst zurück. Erstaunt beobachtete ich seine Fähigkeit, sich so rasch regenerieren zu können, dies bedeutete, er hatte Reserven aufzuweisen. 

Als Kleiderschrank diente uns der Koffer, ich hatte absichtlich nur das Notwendigste ausgepackt, denn nach drei Tagen auf Rhodos flogen wir weiter nach Heraklion. Kaum auf Kreta überfielen mich erneut unzählige fremde Eindrücke, die Bilder von Rhodos noch frisch und unverdaut in mir. Noch dachte ich an die Imposanz der Akropolis in Lindos, stand ich schon auf den Ausgrabungsstätten des Palastes von Knossos, nur einige Kilometer von Heraklion entfernt. Nach den alten Trümmer- und Steinhaufen, wie Stefan die Ausgrabungen bezeichnete, tranken wir am Abend in der Altstadt von Mallia in einer romantischen Straßenkneipe Landwein und aßen Souvlaki. Wir saßen auf unbequemen, wackligen Holzstühlen, übersahen von der Anhöhe der Altstadt das silbrige Meer, rochen den Duft der Küche. Alleine dieser herrliche Geruch gebratenen Fleisches erzeugte in uns Bärenhunger. Stefan verdrückte zwei Riesenportionen der Spieße. Das Lammfleisch schmeckte mir. Neben den Fleischstückchen steckten Tomaten- und Gurkenstücke, Shrimps mit Zwiebelringen umwickelt, Pommes Frittes dazu. Die Sessellehnen drückten in den Rücken, wir neigten die Oberkörper vor, küssten uns. Stefan lachte, weil ich mich beim Wirt für ein zu Boden geworfenes Glas entschuldigte. Das Lachen des Wirtes hob und senkte dessen großen Bauch, schallte durch die engen Gassen, war überlaut, dass es die aus dem Haus tönende griechische Musik überdeckte. Die hellen Häuser hoben sich von der Dunkelheit ab, der Kontrast zur Nacht. Das aus den Häusern fallende Licht war die einzige Straßenbeleuchtung. Die Musik klang für mich schwermütig und berührend, versetzt mit einem Schuss Orient. Ich sah, wie jemand aufstand und begann sich im Takt der Musik zu wiegen. Ich bewunderte die geschmeidigen Bewegungen, genau an die Geschwindigkeit der Musik angepasst. Der Mann tanzte und drehte sich, die Schrittfolgen wechselten so rasch, meine Augen kamen im dunklen Licht mit dem Schauen nicht nach. Einer klatschte den Takt, ein Zweiter, ein Dritter. Ein Glas klirrte, ich dachte noch auch andere sind unachtsam, da klirrte das nächste. Ich hörte nur noch Geklirre. Der Wirt schmiss Teller vor die Füße der Tänzer, eines nach dem anderen. Glas um Glas fiel auf das Straßenpflaster, alle Welt trank aus den Krügen. Ich schüttete mich beim Trinken an, befühlte in Ermangelung einer ausreichenden Lichtquelle den Stoff meiner Bluse, patschnass. Ich wollte Stefan die Hand auf den Oberschenkel legen, wollte lachend etwas sagen, griff daneben, spürte das Holz des leeren Sessels. Ich wandte meinen Kopf, hatte mit meinem Missgeschick sein Aufstehen übersehen, sah ihn auf der Straße tanzen. Perplex gaffte ich ihn an, die Lade meines Kinns fiel nach unten. Stefan tanzte Sirtaki. Und Stefan konnte Sirtaki tanzen. Und wie! Stefan tanzte wie ein Grieche, die Rechte über den Kopf, die linke Hand leicht in die Hüfte gestemmt. Er schlüpfte aus den Schuhen, warf sie zu mir, tanzte barfuß in den Scherben. Die Leute klatschten wie verrückt, Griechen gesellten sich hinzu, tanzten mit ihm. Sie tanzten nebeneinander, hielten einander an den Schultern, tanzten erst langsam, dann immer schneller. Beschleunigten wie beim Ringelspiel, immer im Kreis, die nackten Sohlen zwischen und auf den Scherben. Ein Mann hielt ein Band, Stefan griff danach, drehte sich, tanzte Figuren. Woher konnte Stefan dies? Ich stand mit Griechen und anderen Touristen um die Tänzer herum, klatschte wie sie, begriff diesen Mann vor mir nicht. Wieder etwas an ihm, was ich nicht kannte. Wie viele Geheimnisse verbirgst du, Stefan H.? Die Leute schmissen wie verrückt Teller um Teller unter die Tänzer, während ich Angst um Stefans Füße hatte. Lachend drückte mir der Wirt einen Stoß Teller in die Hände, ich erschrak, riss die Hände auseinander und in die Höhe, als hätte ich mich verbrannt, die Teller fielen zu Boden, der Schrecken überraschte mich noch einmal. Der Wirte lachte und lachte, klatschte und lachte. Das Klatschen und Lachen und Klirren gefiel mir, die Musik der Ausgelassenheit.

Übermütig und außer Atem fiel Stefan in meine Arme, sprach mit den anderen, die getanzt hatten, sie lachten, redeten, redeten und lachten, und ich stand wieder mit offenem Mund da und staunte. Sie lachten und redeten, Stefan sprach Griechisch.

Die heimgehenden Gäste nahmen den Trubel mit, uns blieb die zwischen den engen Gassen hängende Stille, unterbrochen nur vom Knarren der Sessel, dem Rumoren des Wirtes in der Stube und den Geräuschen unserer Weinkrüge. Leise erzählte mir Stefan von seiner seit Gedenken bestehenden Liebe zu Griechenland. Er hatte sie verdrängt, hatte nicht gewusst, was ihm dieses Land bedeutete, es erst in den letzten Tagen wieder gespürt, als er sich von den Fesseln der Vergangenheit befreite. Ihm bedeutete es viel, mit mir in diesem Land zu sein, das er einst abgeschrieben hatte, so wie er es mit sich gemacht hatte. Gegenüber den letzten Tagen zu Hause war er nicht wiederzuerkennen. Er strahlte wie meine Göttin, lachte wie aus der Zahnpastareklame, ich fühlte mit ihm....................

 

(aus dem Roman TRICHTERSPRUNG - novum-Verlag 2010)

 

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