Die alte Frau in Griechenland (aus dem Roman TRICHTERSPRUNG) PDF Drucken E-Mail

Die alte Frau lachte mich an, gab mir in ihrem Haus zu trinken, ein Glas Wasser. Der Weg zu ihrem Haus hatte sich gezogen, länger als eine halbe Stunde trug ich ihr Bündel mit Lebensmittel den holprigen gewundenen Hügelweg hinauf. Vorbei an Johannisbrotbäumen und wilden Ölbäumen schwitzte ich mich aufwärts. Ich schaute genau auf die rote Erde zu meinen Füßen, um nicht zu stolpern und um nicht in die getrocknete Scheiße von irgendwelchen Tieren, vermutlich Esel oder Muli, zu treten. Ihr Lachen beschenkte mich. Mit groben, rissigen Händen drückte sie mich auf den Stuhl, setzte sich neben mich. Auf dem Meer lagen Millionen von Glasperlen, blendeten meine Augen. Durstig trank ich in großen Schlucken, lächelte zurück.

Sie nahm meine rechte Hand zwischen ihre Hände, hielt sie ganz fest, lächelte und sagte etwas in ihrer Sprache, die ich nicht verstand. Minutenlang saßen wir so. In ihren Berührungen lag keine Peinlichkeit, sondern die liebevolle Zärtlichkeit einer Großmutter. Ihr Holzsessel knarrte und ächzte unter ihren Bewegungen, seine ausgeblichene verwaschene Farbe zeugte davon, dass er seit Jahren Wind und Wetter trotzte. Wie seine Besitzerin. Sie brachte eine Karaffe mit Wasser, ein Stück trockenes Brot, dazu eine Flasche Ouzo und zwei Gläser. Ihre Behausung stand alleine auf diesem Hügel. Alleine und verlassen, und doch ging von dieser Einsamkeit eine majestätische Erhabenheit aus, wie man sie oft in Burgen und Festungen ausmachte, die über dem geschäftigen Umtrieb und den Vergnügungen des darunter lebenden Volkes thronten. Ihr Heim glich einer Hütte, kein Luxus, weder außen noch innen. Rund um ihre Behausung wuchsen Oleandersträuche, deren rosa Blüten den weißen, brüchigen Steinziegeln eine romantische, fast malerische Note gaben. Die Frau wies mit der Hand auf das Haus, lächelte und flüsterte ein paar Silben. Die Sprache ihres Körpers drückte Freude und Stolz aus. An diesem Ort umgab mich eine Aura der Zufriedenheit und wenn ich mich umschaute, fand ich zwar keinen materiellen Reichtum, ich verstand aber, dass in dieser bescheiden, fast demutsvoll zu benennenden Art der Frau alle Reichtümer eines erfüllten und glücklichen Lebens lagen. Eine Frau, die mit sich und der Natur im Einklang lebte. Die Kerben in ihrem Gesicht, die pergamentene Haut, die wenigen Zähne, all dies sprach für ein hohes Alter. In ihren Augen aber schwamm die unbeschreibliche Schönheit des Landes; sie glichen den glitzernden Flecken im Meer, dort wo die Spätnachmittagssonne das Wasser traf und es ausleuchtete.

In der Luft schwang das Fernweh von sentimentaler und schwermütiger Musik, die unendliche Ruhe von Menschen, die füreinander Zeit hatten. Ich nahm die Natur um mich mit einer Intensität wahr, wie ich es nur in stillen Stunden in den Bergen erlebt hatte, vergaß sogar zu rauchen. Sie blieb sitzen, als ich mich aufmachte, winkte und lächelte. Sogar dann, als ich sehr weit unten angekommen, sie nur noch als Punkt ausmachte, meinte ich ihr Lächeln und ihr Winken zu sehen. 

 

(aus TRICHTERSPRUNG - novum-Verlag 2010)

 

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