Die Psychologie des TIROLER Bärenwirtes - aus "Wirte und andere ehrliche Gesellen" PDF Drucken E-Mail

Der Bärenwirt steht unter dem Hirschgeweih in seiner Gaststube und reckt sich zu seiner vollen Größe, die laut Reisepass nur neun Zentimeter unter 1m70 liegt. Dem intelligenten Bärenwirt ist bewusst, körperliche Größe ist nebensächlich. Er denkt und handelt gemäß seinem Leitspruch:  „innere geistige Größe formt den Menschen.“

Mit dem Wissen um seine innere geistige Größe, sieht er sich doch als überdurchschnittlich begabten Hobbypsychologen, wippt er unter dem Geweih locker auf und ab. Er hakt die Daumen in die Hosenträger und haut sich seinen Schädel am Kopfschmuck des früheren Besitzers seiner Lederhose an. Er dreht sich zum Hirschgeweih um, flucht leise und ohne Gotteslästerung. Spontan denkt er: dies ist die Rache des Hirschen. Misstrauisch befühlt er seine Lederhose und erfasst intuitiv, dies war ein Phänomen der Parapsychologie, eine sogenannte außersinnliche Wahrnehmung. Er differentiert, und ist sich auf Anhieb sicher, dieses Ereignis ist der Telekinese oder Psychokinese zuzuschreiben. Der Bärenwirt weiß um die Seltenheit von auftretenden parapsychischen Phänomenen und er weiß weiters, dass ihr Auftreten stets an die Anwesenheit einer entsprechend begabten Person gebunden ist.  Wer die entsprechend begabte Person?, keine Frage. Seine innere geistige Größe wächst und er marschiert stolz und erhobenen roten Hauptes durch den Speisesaal in das Zillertalstüberl.

Das Zillertalstüberl ist nicht das einzige in Tirol, und auch nicht das einzige Stüberl des Bärenwirtes. Um eine geographische Ausgewogenheit herzustellen, versah er sein Lokal außerdem mit einem Stubaitalstüberl. Letzteres dient als Fernsehraum und die Atmosphäre in diesem ist ruhig und gediegen, bis langweilig. Indes wird im Zillertalstüberl die Betriebsamkeit stets durch die Ausgelassenheit abgelöst.

Im Zillertalstüberl registriert der Bärenwirt folgendes: Kartenspiel ist angesagt. Der Huber Lois, ein aus purer Einsamkeit zum Kartenprofi mutierter Junggeselle, spielt mit zwei germanischen Hausgästen Bauernschnapsen. Und weiter: Loisens Wahrnehmung, durch erheblichen Alkoholeinfluss stark getrübt,  Aggression im Aufkommen, gepaart mit lautstarken Attacken gegen Fortuna und Mitspieler.

Dies denkt sich der Bärenwirt auf einen Nenner: Lois = besoffen - verliert – schimpft – schreit.

Der Bärenwirt konstatiert mittels seiner inneren geistigen Größe und seiner Hobbypsychologie: Bleibt ein schizoider Mensch wie der Huber Lois bindungslos, erlebt er sich als ungeborgen, ungeschützt, ausgesetzt und gefährdet. So wird er wirkliche oder vermeintliche Angriffe als seine gesamte Existenz gefährdend erleben. – Siehe verlieren beim Kartenspiel.

Der Bärenwirt ist informiert über die darauffolgende mögliche Reaktion: sofortige rücksichtslose Aggression, die nur bedacht ist, auf das Beseitigen des Angstauslösers. Der Bärenwirt stellt sich vor, wie gefährlich diese archaische schizoide Aggression werden kann, die aus dem Gefühl der existentiellen Bedrohtheit eines Menschen stammt, der wie der Huber Lois kaum Bindungen kennt.

Der Bärenwirt schreitet mutig und tapfer zur Tat und verkündet dem Huber Lois seinen Rausschmiss. Dieser greift ergriffen, doch gutgelaunt zum Bierglas und ruft fröhlich: „ergo bibamus!“ (Kommt lasset uns trinken!) Dem Bärenwirt, dem zwar nicht die Psychologie, jedoch das Lateinische fremd, vermutet eine Frechheit und kontert schlagfertig: „Schleich di hoam (umgangssprachlich für: sei bitte so nett und geh leise nach Hause.)

Huber Lois, dem der Bärenwirt nicht fremd, leistet Denkarbeit und folgert: Hier spielt die Psychologie mit. Er springt auf und eilt hurtig aus dem Lokal. Hurtig, denn so kann er seiner Spielschuld entkommen, und andererseits wollte er längst aufs WC, den Druck seiner Blase reduzieren. Nun uriniert er neben der Eingangstür an die Wand. Der Druckausgleich bringt die Gedärme des Huber Lois in Wallung. Er lässt rasch die Hose runter und entleert vor dem Eingang seinen Darm.

Der Bärenwirt geht an die frische Luft und feiert vor der Eingangstür in Gedanken den Rausschmiss als gelungene psychotherapeutische Maßnahme. Selbstbewusst blickt er an sich hinab auf seine dunkelbraunen genagelten Tiroler Schuhe. Er wird gewahr, dass er bis zu den Knöcheln in der Scheiße steht. Trotz phänomenaler innerer geistiger Größe ruft er laut und deutlich SCHEISSE!

(Ein weiteres Tiroler Bergidyll - aus dem Hörbuch "Wirte und andere ehrliche Gesellen)

 

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