Die Lektion PDF Drucken E-Mail

Ein Lehrer  in Indien beschloss, seinen Schülern eine Lektion über den Zorn zu erteilen. „Zorn ist ein Element des Feuers“, erklärte er ihnen. „Er verbrennt die Lebenskraft, die Energie, die uns am Leben erhält. Er zerstört das chemische Gleichgewicht des Körpers und steigert die Rücksichtslosigkeit. Das Gedächtnis lässt nach, die Augen röten sich, und schließlich wird man blind. Vermeidet den Zorn, wenn ihr zu Weisen werden wollt.“ Er hielt inne. „Für heute ist das genug. Schreibt nieder, was ich euch gesagt habe. Morgen erwarte ich, dass jeder von euch diese Lektion wiederholt. Geht nach Hause, und prägt sie euch ein.“

Am nächsten Tag forderte der Lehrer seine Schüler auf, die Lektion über den Zorn gemeinsam aufzusagen. Alle taten das – mit Ausnahme eines Jungen in der ersten Reihe, der ein bisschen schwer von Begriff war. Der Lehrer sah, dass er schweigend dasaß, und ging zu ihm hin. „Hast du denn die Lektion nicht auswendig gelernt?“, fragte er. „Ich hatte keine Zeit dazu“, erwiderte der Junge und starrte vor sich hin. „Wieso hattest du keine Zeit? Es sind doch nur ein paar einfache Sätze.“ Der Junge starrte weiterhin auf sein Pult. „Ich will dir für heute glauben, aber nur für heute. Als Erstes erwarte ich morgen früh, dass du die Lektion wiederholst.“ „Ja Herr“, sagte der Junge.

Am folgenden Morgen, als die Klasse beisammen war, stellte sich der Lehrer vor das Pult des Jungen. „Sag uns, was du über den Zorn weißt.“ Der Junge schwieg. „Los, heraus mit der Sprache! Du hast eine Menge Zeit gehabt.“ „Ich kriege das alles offenbar nicht recht zusammen, Herr“, sagte der Junge. „Ich weiß, es dreht sich irgendwie um Zorn und Chemie im Körper. Aber an mehr erinnere ich mich nicht.“

„Das reicht nicht!“ Der Lehrer schlug mit der Hand auf das Pult des Jungen. Er spürte, wie sein Magen vor Gereiztheit zu rebellieren begann. „Ich weiß, dass du dich nur über mich lustig machen willst. Ich lasse dir noch einen einzigen Tag Zeit, um diese Lektion zu lernen – wenn nicht, wirst du streng bestraft.“ Danach war er zu erregt, um weiter zu unterrichten, und entließ die Schüler vorzeitig.

Am nächsten Morgen fragte der Lehrer den Jungen erneut: „Bist du jetzt endlich bereit, die Lektion über den Zorn aufzusagen?“ Der Junge sah ihm ins Gesicht. „Es tut mir leid“, erwiderte er, „ich kann mich noch immer nicht daran erinnern.“

„Dann wirst du bestraft“, sagte der Lehrer und begann den Jungen zu schlagen. Der weinte zuerst, aber nach ein paar Hieben fing er plötzlich an zu lächeln. „Du schamloser Idiot!“, schrie der Lehrer. „Du solltest dich gründlich gedemütigt fühlen, und stattdessen grinst du!“ Und er ohrfeigte den Jungen hart auf beide Wangen.

Der Schüler begann zu lachen. „Jetzt begreife ich!“, sagte er. „Ich kann sehen, was der Zorn aus einem Menschen macht. Er wird rücksichtslos und blind. Ihr schlagt mich, aber ich vermeide es, darüber zornig zu werden.“

Der Lehrer hörte auf, den Jungen zu schlagen, und blieb schwer atmend vor ihm stehen. „Ja“, sagte er schließlich. „Ich sehe, du hast die Lektion gelernt, im Gegensatz zu mir. Verzeih mir. Du hast die Probe bestanden, ich dagegen habe versagt.“

 

(Nach einer Geschichte aus Indien)

 

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