Der kleine Mann und seine Hühner PDF Drucken E-Mail

Die kleine Hand umschloss fest den Stein, dessen Kühle Albert angenehm an der Handfläche verspürte. Mit einem zugekniffenem Auge sah er prüfend über den Teich, glitzernde Fenster schwammen an der Oberfläche. Sein strahlendes Gesicht, aus dem die blauen Augen hervorstachen, bewies seine Freude. Abrupt veränderte er die abwartende Körperhaltung, indem er seinen Oberkörper drehte, die rechte Schulter nach hinten schob und den rechten Arm spannte wie eine auseinandergezogene Feder. Als die größtmögliche Spannung erreicht war, ließ er nach, und die Hand flog an der Hüfte vorbei. Gekonnt öffnete er die Hand, flachte sie blitzschnell ab. Es sah aus, als flöge der Stein von einem Teller hinaus auf das Wasser. Mehrmals setzte der Stein auf der Wasserfläche auf, sprang immer weiter, prallte am Wasser ab. Jedes Auftreffen verursachte auf dem bewegungslosen Wasserspiegel auseinandergehende Wasserringe, eingedreht wie eine Spirale. Alberts Blick folgte den vielen, sich weiter und weiter ausdehnenden, Kreisen. Lauthals lachte er, sprang in die Höhe, ließ sich zu Boden fallen. Glucksend kugelte er in der Wiese, kniete sich über den Teichrand und sah in das klare Wasser. Ernst und andächtig studierte er sein Spiegelbild. Sekunden reihten sich aneinander. Albert hatte keinen Zeitbegriff, noch nicht, starrte einfach und froh in das Wasser, in sein Bild. Grübchen bildeten sich in seinen Wangen, ihm schien zu gefallen, was er sah. Mit einer Hand langte er ins Wasser, spritzte sein Bild an, das Schaukeln endete synchron mit seinem Lachen. Die Rufe, die jetzt zum Teich her drangen, verfinsterten sein hübsches Gesicht, mit einem Male lag über seinen lustigen Zügen eine Maske aus Ernst, und nachdenklicher Versponnenheit.

Albert lief vom Teich inmitten die dicht beieinander stehenden Bäume des angrenzenden Waldes, nahm so nicht direkt die Richtung zu den Stimmen auf, bewegte sich so vorwärts, als wollte er die Rufe, die sich immer deutlicher als Rufe nach Albert ausmachen ließen, umgehen. Er rannte weg von der Frauenstimme, hinein in das Dunkel des Waldes. Sträucher streiften die braungebrannten Beine, Äste kratzten an seiner Haut. Seine bloßen Füße waren an das Laufen im Gelände gewohnt, seine Sohlen fast schwarz. Weder die Steine des Weges, noch das raue Astwerk spürte er. Albert hetzte durch den Nadelwald, lief dort wo kein Weg war, rannte zielstrebig und so, als renne er hier mehrmals täglich. Er tauschte das Dunkel mit dem Licht, holte mit den Armen kräftig aus, seine Beine flogen unter den Strahlen der Sonne über die Wiese zur Hinterseite des kleinen Bauernhauses zu. Von dieser Seite sah das Haus abgewetzt und irgendwie unfertig aus, Risse und Sprünge durchzogen das Mauerwerk, von dem der Putz in mehreren Schichten abblätterte. Die Farbschattierungen des mit Ziegel bedachten Hofes, die neuen glänzten beinahe hellrot, taten ein weiteres, das Haus als Flickwerk dazustellen.

Das Haus beugte sich unter den vielen überstandenen Wintern und am Mauerwerk lasen aufmerksame Beobachter nicht nur die Spuren der überstandenen Gewitterstürme ab, sondern auch die finanzielle Lage der Hofbewohner.

Schwer atmend fiel Albert zu Boden, mitten unter die Hühner. Die weiße Henne gackerte und sofort huschte ein Lächeln in sein Gesicht. „Grüß dich Schnee! Geht’s dir gut? Ich war am großen Wasser.“ Das Huhn stand still und Albert redete weiter: „Ja, genau. Dort wo ich nicht hin darf. Ich habe die Frösche beobachtet, ihre lauten Gespräche belauscht. Was sie gesagt haben? Ich weiß nicht, ich kann ihren Dialekt nur schwer verstehen.“ Um Albert tummelten sich jetzt die Hühner, und er redete zu ihnen, redete auf sie ein, mit kindlichem Ernst und doch so unbekümmert, dass für etwaige unbeteiligte Zuschauer der Eindruck entstehen musste, er verstand sie und sie verstanden ihn. Er selbst war sich ohnehin sicher, dass seine Freunde ihn verstanden. Nicht nur seine Sprache verstanden, seine Worte, nein auch sein Denken, sein Fühlen, sein Lachen. Mit einem Wort, auf den Punkt gebracht sozusagen, sie waren wirkliche Freunde. Und so wie sie um ihn herumtanzten, war er auch der ihre. Stets nannte er sie bei ihren Namen, Namen die er ihnen vor langer Zeit gegeben hatte. Nach welchen Regeln er bei der Namensvergabe vorgegangen war, vermochte er nicht zu sagen, schon ewige Zeiten besaßen sie für ihn diese Namen. Schnee, Zaus, Polter, Utz, Harei, Licht, Max, Gili und Schrei. Albert liebte die Zeit bei seinen Freunden den Hühnern, er genoss die Gespräche mit ihnen, genoss, dass er ihnen alles erzählen konnte, oder besser durfte, niemals redeten sie dagegen, im Gegenteil, sie schenkten ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. So wie er mitten unter ihnen lag, sich zwischen ihnen bewegte, war er zu ihrem Mittelpunkt geworden, was dem kleinen Ego sicherlich gut tat. Denn darum ging’s, die Hühner hörten ihm zu, sie ließen ihn so sein, wie er gerne war. Und weil er draußen in der Welt immer so sein sollte, wie ihn andere haben wollten, nicht das durfte, was er gerne getan hätte, so war die Gruppe der Hühner zu seiner Ruheinsel, zu seiner kleinen Welt inmitten der anderen, der größeren Welt geworden. Die andere Welt war für ihn so riesengroß und voll komplizierter Mechanismen, dass er sie gar nicht verstehen wollte, bei den Gedanken daran, sofort wieder diese schreckliche Angst verspürte, die unaufhaltsam in seinen kleinen Körper kroch………………….

 

(Aus dem Zyklus Kinderscherben)

 

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