| Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch – der Roman der Romane? |
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Die Frage nach dem Roman der Romane beantwortet sich nur subjektiv, doch was ist dran, wenn vor mehr als zweihundert Jahren Clemens Bretano, von einem der „vortrefflichsten Bücher“, und Thomas Mann von einem „Lebens- und Literaturdenkmal der seltenen Art“ sprach? Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens „fünf Bücher des „Simplicissimus“ spielen in der von Willkür und Gewalt gezeichneten Epoche des Dreißigjährigen Krieges. Noch als Kind wird Simplicius der Einfältige durch marodierende Soldaten vom Hofe der Eltern vertrieben. Von einem Eremiten notdürftig erzogen, findet er als eine Art Hofnarr Unterschlupf beim Stadtkommandanten von Harau. Dieser durchaus fragwürdigen Idylle bereiten fremde Truppen ein Ende, Simplicius rettet seine Haut in Frauenkleidern, lebt eine Zeit als Knecht im Kloster und landet beim Militär. Nach anfänglichen Erfolgen gerät er in Gefangenschaft und wider Willen in eine Ehe. Ein langjähriges Wanderleben schließt sich an, das ihn bis Paris und Moskau führt und in unterschiedlichste Berufe, vom Quacksalber bis hin zum Räuber. Nach einem erotischen Zwischenspiel und einem letzten Versuch als Soldat Karriere zu machen, lässt er sich als Bauer nieder, erfährt letztendlich von seiner adeligen Abstammung. Die autobiografischen Züge sind klar ersichtlich, denn auch Grimmelshausen stammte aus einfachen Verhältnissen und geriet als Jugendlicher in die Kriegswirren der Zeit. Er versuchte sich in diversen Berufen, bevor er im letzten Lebensjahrzehnt als Schultheiß im Badischen zur Ruhe kam. In diesem Dezennium entstand sein gesamtes literarisches Werk von den „Simplicianischen Schriften“ bis zur Lebensbeschreibung der Betrügerin „Courasche“, die gut 250 Jahre später Bertolt Brecht zu seinem berühmten Schauspiel „Mutter Courage“ anregte. Grimmelshausen selbst ließ es, durch die Verknüpfung seines Lebens mit dem Schelmenroman, augenzwinkernd so erscheinen, als sei er so einfältig wie sein Held, was natürlich nicht stimmte. Er eignete sich – vermutlich in den Bibliotheken seiner Dienstherrn – eine auch im „Simplicissimus“ präsente umfassende literarische Bildung an. Mit einer Mischung aus Dichtung und Wahrheit band er sozusagen seinen Lesern einen Bären auf, nicht anders als der Protagonist Simplicius seiner Mitwelt. Über die Bedeutung der Namen von Grimmelshausens Romanfiguren ist schon viel vermutet und spekuliert worden. Der Name „Simplicius Simplicissimus” ist lateinisch, gelegentlich taucht auch die Kurzform „Simplex” auf. Sie bedeutet einfach, schlicht, ehrlich, offen, arglos etc. So gibt es auch einen Heiligen „Simplicius” der unter dem 29. Juli im Missale Romanum steht. Die Geschwister Simplicius, Faustinus und Beatrix erlitten um das Jahr 305 in Rom den Martertod. Ihre Reliquien soll der hl. Bonifatius nach Fulda gebracht haben, wo sie noch heute verehrt werden. Im königlichen Armeemuseum Stockholm befindet sich eine Reiterstandarte, welche die Schweden 1631 von Fuldaer Reitern erbeutet haben, auf der der hl. Simplicius abgebildet ist. Grimmelshausen war während des Dreißigjährigen Kriegs in Fulda und hat offenbar dort den Stadtheiligen kennengelernt. „Simplicius” als Romanfigur scheint bei Grimmelshausen ein Synonym für die Unverdorbenheit zu sein, mit der sein Held als Knabe von ca. 15 Jahren in diesen Krieg hineingezogen wird. Hiermit hat der Autor offenbar auch seine eigene Kindheit gemeint. Die liebenswert-skurrile Titelgestalt des „Simplisissimus“ avancierte 1896 zum Namenspatron der profiliertesten satirischen Zeitschrift der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Ebenso sind die Namen der legendären Kabaretts in München (Alter Simpl) und Wien (Simpl) an Grimmelshausens Helden angelehnt.
(Anmerkung: Der Roman Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch liegt seit 2009 in einer Übertragung aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser vor.) |



