Der Graue PDF Drucken E-Mail

Leicht nach vorne gebeugt, dafür stoisch, saß er auf dem Stuhl, hing seinen Gedanken nach und ordnete die aufziehenden Bilder seines Denkens. Mit einer kaum auszumachenden knappen Bewegung seines Kopfes strich sein Blick brustabwärts bis zu den Stiefelspitzen. Einmal mehr kam ihm der Gedanke, dass er gegen seinesgleichen aus dem Rahmen fiel, aus der Tradition sozusagen, aus der Farbe. Grau vom Hut bis zu den Stiefelspitzen, Alltagsgrau, jeden Tag, jede Nacht. All seine Vorgänger waren dem Schwarz verpflichtet und verfallen gewesen, ebenso wie jene, die so wie er dieserzeits ausströmten, um die Schatten einzuholen.

Unter ihnen galt er als die graue Eminenz, eine Metapher, die ihn doppeldeutig traf. Vor unermesslich vielen Wechseln der Jahreszeiten, hatten ihn die Wächter des Universums zu sich bestellt, ihn zum Schattenläufer berufen und ausgebildet. Ihm oblag es, die Schatten all derer einzuholen, deren Zeit auf Erden abgelaufen war. Die irdische Welt benannte dieses Dasein mit den verschiedensten Namen, von Sensenmann, über Freund Hein bis zu Gevatter Tod. Und keine, absolut keine, dieser Bezeichnungen drang durch zum Kern.

Der Graue, so nannten sie ihn in diesem Reich, in dem es keine Schatten mehr gab, keinen begrenzten Raum, kein Zeitmaß der Vergänglichkeit, nur die Weisheit des großen Buches zählte, dessen Einhaltung der große Rat penibel überwachte. Nicht einmal die Sonne, der Ursprung allen Lebens drang in dieses Reich der Finsternis, die Unendlichkeit aller Schatten.

Seine Augen hatten so vieles gesehen, Leid, Trauer, Schmerz, unerfüllte Hoffnung, doch die Prägung dieser Erlebnisse blieb unerkennbar, das weise Buch des Rates war der Leitfaden seiner Handlungen und Taten. Meist, dachte er mit einer von innen aufkommenden Gemütsbewegung. Meist, denn er hatte es als einziger gewagt, die Erfüllung seiner ihm aufgetragenen Dienste in seine Sichtweise zu übertragen, sie mitunter auszusetzen, oder schon frühzeitig auszuführen. Freilich hatte ihn der Rat zu sich befohlen, mit seinen einfachen und klaren Worten hatte er diesen stets für sich eingenommen, nicht einmal, zweimal, sondern unabzählbar oft, solange bis ihm der Rat der Schattenläufer Spielraum zugestanden hatte. Als Einzigem.

Sein Innenleben entsprach nicht der nach außen zur Schau gestellten Gelassenheit, manches nagte an ihm, ging ihm dermaßen gegen den Strich, so dass er irgendwann begonnen hatte, seine Aufträge zu begradigen, wie er es für sich selbst ausdrückte. Und was er selbst nicht für möglich gehalten hatte, mit diesen Anfängen wuchs das Vertrauen der Ratsmitglieder in ihn, sie gestanden ihm immer mehr zu, längst konnte er das irdische Leben eines Einzelnen über etliche Jahreszeiten verlängern oder verkürzen, nicht nach seinem Gutdünken, nach seiner Verantwortung.

Mit einer knappen, für andere eine kaum wahrnehmbare Handbewegung, gebot er der dichten, seine Beine umhüllenden Wolke, beiseite zu schweben, und langsam umkreiste diese seine Hüften. „Schloh“ hatte der Graue seinen Wolkengefährten benannt, der ihn überall hinbegleitete, ihn in manchen Augenblicken vor neugierigen Augen verhüllte, wie es für seine Tätigkeit unabdingbar war.

Nie sprach er mit jemandem darüber, wie sehr ihn dieses Amt, diese Tätigkeit, belastete. Niemals hatte er je seine innersten Gedanken und Empfindungen preisgegeben, sie in seinem Inneren versenkt und eben dort drückte ihn dieses gewaltige Bündel, das er sich aufgeladen hatte. Aber gerade deshalb, weil er an dieser Last so unendlich schwer zu tragen hatte, war er nicht bereit sie abzugeben, nicht bereit sich von der ihm auferlegten Verantwortung zu trennen. Und würde auch ein anderer versuchen, das Schicksal im selben Ausmaß wie er zu korrigieren, dieses in eine wohlfeile Richtung lenken, fragte er sich unzählige Male im Verlaufe eines Mondes.

So wie alles, was zum ersten Mal gemacht wird, beim Betroffenen eine Kerbe im Gedächtnis hinterlässt, so erinnerte er sich auch daran, als er seine erste große Korrektur des Schicksal vorgenommen, sich die Freiheit herausgenommen hatte, das zu tun was er für richtig hielt. Der, den er damals einholen sollte, war ihm bereits viele Winter vorher, aus der Ferne des Universums heraus, aufgefallen und hatte ihn durch die Aura aus Liebe, Frohsinn, Demut und Hingabe besonders beeindruckt. Gerne hatte der Graue stets auf die Taten und das Handeln desjenigen, durch die Wolken hinab gesehen und sich an dessen vorbildlichem Tun erfreut und ergötzt. Aus diesem Grund traf es den Grauen wie ein Blitz, er war gerade dabei launig im großen Buch des weisen Rates zu blättern, als er las, dass diesem Mann und Wohltäter ein sich über etliche Sommer erstreckender Leidensweg vorherbestimmt war. Ihm, der immer gebetet hatte für ein schnelles Ende, einen raschen Abgang. Und diesen Wunsch erfüllte ihm der Graue ohne ein zögerliches Moment, war bereit seine Reputation auf’s Spiel zu setzen und den Rat gegen sich aufzubringen. Mit Geschick und guter Kenntnis nutze er die universellen Möglichkeiten, hatte spontan ein Gewitter arrangiert, indem er den Betroffenen in den Bergen seiner Heimat, schnell und schmerzlos in das Reich der Schatten führte.

Scharen waren es im Erdenreich gewesen, die um den Betroffenen getrauert hatten, Bäche von Tränen waren geflossen, doch der Graue dachte oft daran, was diese Trauergemeinde gesagt und gefühlt hätte, wenn sie den vorbestimmten Leidensweg auch nur mit einem Hauch geahnt hätte. Tief in seine Erinnerungen versenkt, huschte der Schimmer eines Lächelns über sein verwittertes Antlitz und er ergab sich seinen aufziehenden Träumen.

 

(Aus dem Zyklus „der Tod fragt nach dir…“)

 

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