Das Tigerspiel PDF Drucken E-Mail

Breitbeinig stand Juri inmitten der großen Halle, sah die vielen Menschen die sich hinter der schusssicheren Glasabtrennung drängten kaum, spürte nur die auf ihn gerichteten Blicke. Konzentration ist alles, dachte er und begann bewusst seinen Atem zu steuern. Einige Sekunden durch die Nase einatmen, danach langsam durch den Mund ausatmen, zwei Atemzüge in der Minute, ganz auf den Atem konzentriert. Die Gedanken und Bilder seiner Erinnerungen ausgeblendet, nur Blitzlichter seiner Vergangenheit streiften ihn ab und zu. Ruhe atmete er so in seinen Körper, Ruhe und Konzentration, die er in den folgenden Minuten benötigen würde. Das Brot und die Voraussetzung für sein weiteres Leben, damit die Zukunft und das Überleben sichern, die Kraft und Stärke des Tigers einatmen, dessen Verkörperung von tödlicher Unfehlbarkeit auf der Jagd in sich spüren, sich ganz als Tiger fühlen und spüren.

Juri, den die Öffnung der Grenzen irgendwann von seinem russischen Heimatdorf unweit von Wladiwostok, nahe der Grenzen zu China und Nordkorea, in das Herz Europas gespült hatte, war hier um das Tigerspiel zu spielen. Russisch Roulette war gestern, das Tigerspiel heute. Verbote kümmerten nicht, galten für Juri so wenig wie ein Jagdverbotsschild in der Taiga. Leben hieß überleben, und dazu benötigte Juri Geld, sehnte sich nach Geld. Es war ein Leichtes hier Geld zu machen, und das Tigerspiel seine Eintrittskarte in eine Welt voller Luxus. Sich endlich nicht um den nächsten Tag Gedanken machen müssen, sorgenfrei in das Morgen denken zu können. Spiele waren dazu da um zu unterhalten, extravagante und riskante Spiele befriedigten und erfreuten Menschen die alles hatten, die den Kick, den ein lebensgefährliches Spiel bot, sündteuer bezahlten. Mit dem Geld einer einzigen Eintrittskarte bereits, hätte eine Familie in Juris Heimatdorf für Jahre das Auslangen gefunden, und Juri stand inmitten dieses Geldregens, galt als Star, ein Gladiator des 21. Jahrhunderts, ein Söldner seiner selbst, einer dem sein Leben zwar sehr viel wert war, und doch Risiken auf sich nahm, die für die Zuschauer abseits ihrer Vorstellungen lagen, keiner auf sich genommen hätte. Sie - Hunderte an Zuschauern -, kamen um Blut zu riechen, zu schmecken, zu sehen.

Juri war der Tiger. Die Jagd sein Metier, er mit der Jagd aufgewachsen und groß geworden. Ihm gelang es zu denken und fühlen wie ein Tiger, denn dort wo er herkam, dort wo er gejagt hatte, hatten auch Tiger gejagt. Amur-Tiger. Diese Amur-Tiger hielten Temperaturen zwischen plus 40 Grad und minus stand, jagten nach allem was sich bewegte, um ihren gewaltigen Hunger nach Fleisch zu stillen. Die Jagd nach Tigern war verboten,  doch erlegte Tiger brachten Geld, viel Geld. Chinesen mit ihren seltsamen Bedürfnissen waren bereit für einen erlegten Tiger zu bezahlen, sehr viel zu bezahlen, so viel Geld, dass den Menschen in Juris Heimat im Bikintal, beim bloßen Gedanken an den möglichen Reichtum schon schwindelte und sie wiederholt in Versuchung führte.

Juri wusste, dass man einen Tiger, der beschlossen hat, dich anzugreifen, nicht sehen kann, denn das Überleben des Tigers hing von der Fähigkeit ab, sich unsichtbar zu machen. Fachleute hatten davon geschrieben, dass die Fähigkeit des Tigers, sich zu verhalten, als sei er gar nicht da, schon ans Metaphysische grenzte, als trüge er eine Tarnkappe. Und Juri würde der Tiger sein, ein Tiger den sie jagten.

Aaskrähen folgten einem Tiger wie Möwen einem Fischkutter; die Zuschauer hier waren Aaskrähen, dachte Juri. Aus sicherer Entfernung beobachteten sie, genossen das Spektakel, erregten sich daran,  ihre Schreie klangen für Juri wie das Krächzen der Krähen. Geifernde Aaskrähen, reiche Aaskrähen.

Damals, als Juri sich dem Fällen von Bäumen verschrieben hatte, als die Abende im Lager sich immer eintöniger und trister gestalteten, er und die anderen sogar dem Wodka überdrüssig wurden, damals hatten sie das Tigerspiel aufleben lassen. Damit durchbrachen sie die grenzenlose und alkoholschwangere Monotonie der Abende, Farbe verwischte das Grau. Damals war das Spiel Zeitvertreib. Das Los bestimmte den Tiger. Sie hatten die Möbel aus dem Raum getragen, die Fenster mit Matten abgedeckt und das Licht ausgeschaltet. Die Jäger setzten sich in die Mitte, Gesicht nach außen, mit Revolvern bewaffnet. Eine Stimme gab das Kommando, und von diesem Augenblick schossen die Jäger immer dann, wenn sie meinten etwas zu hören. Auf den Tiger. Dieser schlich so lautlos wie nur irgendwie möglich im Raum, sprang die Jäger an, das Umwerfen des Jägers beendete das Spiel. Oder ein Schmerzensschrei. Egal ob vom Tiger oder Jäger ausgestoßen.

Die Regeln waren heute wie damals dieselben. Nur Geld kam hinzu. Viel Geld. Eine Prämie für die Jäger, sechs an der Zahl, oder eine gigantische Summe für den Tiger. Die Chance für den Tiger bestand im direkten Sprung auf die sitzenden Jäger. Mit dem Geräusch der umgestoßenen Jäger gingen automatisch die Scheinwerfer an, gleißende Lichter blendeten die an die Dunkelheit gewöhnten Augen, kein Schuss mehr erlaubt.

Mit dem ersten Summton nahmen die Jäger ihre Plätze ein, ab dem zweiten Summton erlöschte das Licht, absolute Stille. Auf den zweiten Summton folgten genau sechzig Sekunden Dunkelheit um dem Tiger Zeit und Raum zu geben. Ein kurzer und schriller Pfeifton gab die Jagd frei.

Schusskanonaden, Mündungsblitze, und irgendwo in der Dunkelheit lauerte Juri, auf der Jagd um seine Zukunft….

 

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