Das Erreichen der kritischen Masse PDF Drucken E-Mail

I.

Langsam, fast bedächtig zu nennend, nahm Martin das Glas Rotwein, schwenkte den Wein mit kreisenden raschen Bewegungen, probierte, und war mit einem Male enttäuscht, nicht des Weines wegen, sondern der Blick in die nahe Zukunft vernebelte die Freude des besonderen Abendessens, welches als I-Tüpfelchen für einen besonderen Abschied gedacht war. Der Gedanke „Abschied ist ein klein wenig sterben“ drängte sich ihm auf, stach immer und immer wieder in seinen Gedanken hervor, bis sich die Angst vor den nächsten Monaten, den nächsten Jahren in seinen Eingeweiden als Klumpen manifestierte.

Der nächste Montag würde sein Leben aufbrechen, unweigerlich als Zäsur wirken, die er jetzt nicht mehr abzuwenden imstande war. Früher, viel früher, aber da hatten er als auch alle anderen daran geglaubt, dass sie davonkommen würden, ihnen nichts nachzuweisen war. Ganz langsam, fast schwerfällig hatte der Apparat seine Arbeit aufgenommen, so dass zu diesem Zeitpunkt niemand, ja absolut niemand daran gedacht hatte, das Erreichen der kritischen Masse könnte jemals eintreten.

Ja, als „kritische Masse“ bezeichnete Martin diesen Vorgang, und der Gedanke belustigte ihn in diesem Moment indem er das Weinglas vor sich hielt, sodass ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht huschte, mehr schmerzhaft denn freudig.

 

II.

In seinem Buch Der unbewusste Mensch berichtet der britische Biologe Lyall Watson, im Zusammenhang über das Erreichen der kritischen Masse, von einer auf einer Insel an der Ostküste Japans lebenden Kolonie Affen, deren Fressgewohnheiten von einem Wissenschaftlerteam erforscht wurden. Man legte einer Affenhorde aus dieser Kolonie rohe Süßkartoffeln hin. Da diese ausgegraben und also noch voller Erde waren, mundeten sie den Tieren nicht recht. Bis dann eines Tages ein junges Weibchen mit seiner Kartoffel zum Meer hinunterlief und sie ins Wasser tunkte. Es fand die auf diese Weise sauber gewordene Kartoffel viel schmackhafter, sodass es am nächsten Tag das Eintunken wiederholte und dann wochenlang bei dieser Methode blieb. Ein Hordenmitglied nach dem anderen begann das nachzuahmen. Die neue Gewohnheit schmutziges Futter im Meer zu waschen, breitete sich immer weiter aus, bis sie auf einmal gang und gäbe war.

Watson schreibt: Nehmen wir an, die Anzahl der Affen habe 99 betragen, und um elf Uhr morgens an einem Dienstag sei die Gemeinde auf die gehabte Weise um einen weiteren Bekehrten vermehrt worden. Doch das Hinzukommen des hundertsten Affen hat die Zahl der Tiere anscheinend über eine Art Schwelle hinausgehen lassen, durch den Neuen hat sie eine Art kritische Masse erreicht, denn am Abend jenes Tages war fast jeder Affe der Kolonie dazu übergegangen, seine Nahrung zu waschen. Und nicht nur das: Der Brauch scheint natürliche Grenzen übersprungen zu haben, und in Kolonien auf anderen Inseln und auf dem Festland aufgetreten zu sein.

Die neue Gewohnheit breitete sich nicht nur aus, sondern überschritt auch eine Schwelle, ab der sie sich als Kettenreaktion durch die Gesellschaft fortpflanzte. Die Frage ist, kann es bei der Bewusstseinsbildung zu einem ähnlichen Verlauf kommen? Nach Meinung von nicht wenigen ja.

 

III.

Hinter der Anonymität seines Accounts versteckt Rolf seine wahren - psychischer Krankheit entspringenden - Motive, und nutzt das Kommunikationsmedium facebook als seine Spielwiese. Mit einem getürkten Lebenslauf, den er von Menschen mit gleichlautendem Namen im Internet entnommen bzw. zusammengestöpselt hat, begibt er sich alltäglich auf die Jagd nach interessanten Opfern, auf die Suche nach Menschen mit künstlerischem Background, denen er sozusagen als Manager auflauert. Mit der eindeutigen Absicht irgendwann auf seine Opfer psychischen Druck auszuüben, überrascht er stets aufs Neue mit kreativen Ideen, einzig des Zieles wegen, seine psychische Störung auszuleben.

Immer dann, wenn er die von ihm vorgeschlagenen Marketingstrategien sowie sein Lügengerüst nicht länger aufrechterhalten kann, verstärkt er den Druck und zieht sich schlussendlich abrupt zurück.

Der Psychologe Fritz Riemann meint dazu: Ein Mensch mit schizoider Persönlichkeitsstörung hätten am liebsten die Tarnkappe des Märchens verfügbar, unter deren Schutz er unerkannt am Leben der anderen teilnehmen und in dieses eingreifen könnte, ohne etwas von sich preisgeben zu müssen. Hat man heute zu solchen Menschen scheinbar einen guten Kontakt gehabt, verhalten sie sich morgen so, als hätten sie uns nie gesehen; ja, je näher sie uns gerade gekommen waren, um so schroffer wenden sie sich plötzlich von uns ab, uneinfühlbar, oft mit grundlos erscheinender Aggression oder Feindseligkeit, die verletzend für uns ist. Da Gefühle der Zuneigung, der Sympathie, der Zärtlichkeit und Liebe uns einander am nächsten kommen lassen, erlebt der Schizoide sie als besonders gefährlich. Das erklärt, warum er gerade in solchen Situationen abweisend, ja feindlich wird, den anderen abrupt zurückstößt: Er schaltet plötzlich ab, bricht den Kontakt ab, zieht sich auf sich selbst zurück und ist nicht mehr zu erreichen.

 

IV.

Wenn am besagten Montag, Martin aufgrund des Erreichens der kritischen Masse seine Haftstrafe antreten wird, so bewegt sich Rolf, linear gesehen, ebenso unaufhaltsam einer ständigen Veränderung seines derzeitigen Wohnsitzes entgegen. In seinem Fall steigt zwar derzeit die Anzahl der Geschädigten noch, das Erreichen der sogenannten kritischen Masse in allem nur eine Frage der Zeit…………

 

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