| Buchmesse Leipzig - Reminiszenzen 2010 |
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Leipzig und seine Buchmesse 2010 - Fokus eines österreichischen Betrachters: Den Slogan „Leipzig“ kommt, mit dem diese Stadt nach der Wende in eine optimistische Zukunft startete, bestätigte das ankommende Besucherauge und fand die Stadt nach wenigen Stunden aufregend, hipp und voller Charme steckend. Das Messespektakel, nur eines von mehreren jährlichen Highlights, schlängelte sich quer durch die Stadt mit dem Motto „Leipzig liest - eine ganze Stadt feiert Buchmesse“. Im Gegensatz zur eher geschäftlich orientierten Frankfurter Buchmesse geht es in Leipzig betont publikumsnah zu. In über 2.000 Veranstaltungen, an über 300 Orten, erlebten die Besucher im Jahr 2010 bekannte und unbekannte Autoren hautnah, quasi zum Anfassen. Im Neuen Rathaus, als Lesehalle und Tanzpalast, umfunktioniert lud das MDR-Jugendradio SPUTNIK zur Literaturparty „Litpop“ ein, in der 1913 gegründeten Deutschen Bücherei las Martin Walser über Heinrich Heines „Französische Zustände“, Nina Hagen erzählte in der Buchnacht von MDR Fernsehen und 3Sat auf bekannt temperamentvolle Weise über ihren ganz persönlichen Weg zum Glauben, nachzulesen in „Bekenntnisse“, beworben als Biografie der Punkröhre. Und der in Leipzig-Ost aufgewachsene Clemens Meyer stellte in der Langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei sein neues Buch „Gewalten - Ein Tagebuch“ vor. Meyer, regelmäßig von Kritikern und Rezipienten gelobt, erhielt bereit 2008 den renommierten Preis der Leipziger Buchpreis, dessen Vergabe 2010 mit der des Plagiatsvorwurfs nominierten 17jährigen Autorin Helene Hegemann, große Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihr Roman „Axolotl Roadkill“ ging leer aus, ausgezeichnet wurde in der Sparte Belletristik der Schriftsteller Georg Klein für seinen „Roman unserer Kindheit“, in dem der 56-Jährige eindringlich von einer Jugend in der Nachkriegszeit erzählt. Die weiteren Preisträger: György Dalos erhielt den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2010 für sein bisheriges Werk, vor allem für das 2009 bei C. H. Beck erschienene Buch „Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa“; Ulrich Blumenbach wurde für seine Übersetzung von David Forster Wallace ausgezeichnet und der Preis für das Sachbuch ging an den Historiker Ulrich Raulff für Stefan Georges Nachleben „Kreis ohne Meister“. Rund 1500 Autoren bewarben das gedruckte oder gesprochene Wort (Hörbuch), von mit dem Nobelpreis ausgezeichneten, wie Herta Müller und Günter Grass angefangen, klingende Namen wie Martin Walser, Abi Ofarim, Volker Lechtenbrink, Frank Schirrmacher, Andreas Schäfer bis hin zur jüngeren Autorengeneration wie beispielsweise Andreas Stichmann und Finn-Ole Heinrich – und knapp 150 000 Besucher in vier Tagen erfreuten sich daran. Optischen Aufputz bietet mit seinem Motorrad der Altrocker Lommel, sein Buch „eine Rockerlegende aus Berlin“. Lesungen österreichischer Autoren fanden traditionell auf der Creative-Austria-Bühne in Halle 4 im „Wiener Kaffeehaus“ statt. Darunter der Krimiautor und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer, Clemens Berger der sein Buch „Das Streichelinstitut“ vorstellte und die Schauspielerin Erika Pluhar mit „Spätes Tagebuch“ unzählige Kameras auf sich zog. Auf der „Leseinsel junger Verlage“ präsentierte sich der verlegerische Nachwuchs, schließlich hat sich Leipzig in den letzten Jahren zum Mekka für den Nachwuchs im literarischen Betrieb entwickelt. Die Talenteschmiede des schriftstellerischen Nachwuchses, das Leipziger Literaturinstitut, trägt naturgemäß einiges dazu bei; Clemens Meyer ein Absolvent, eine Professur für Literarische Ästhetik hat der Österreicher Josef Haslinger inne, der mit seinem Politthriller „Opernball“ 1995 einen Bestseller landete, und dessen Erzählungen über die Zeit im Internat sich im 1980 erschienen „Konviktskaktus“ niederschlugen, und die hochaktuell aufgezeigten Missstände schon damals beschrieben. Bemerkenswert auf der Buchmesse, allein ein Viertel der Ausstellungsfläche ist für Kinder- und Jugendliteratur reserviert, Lesungen, Gewinnspiele und Workshops machen Lust auf Literatur. Der Comic-Bereich auf der Messe zieht die weltbekannten Manga-Zeichnerinnen aus Japan an. Das Ausmaß dieser Szene lässt sich am besten am Buchmesse-Wochenende beobachten, dann ist Zeit für Cosplay („costume play): Jugendliche schlüpfen zuhauf in die Kostüme ihrer Manga-Helden und verwandeln so manche Messehalle in einen Comic-Event. Ebenso können sich Jugendlich über Berufsbilder der Druckindustrie und des Verlagswesens informieren, die Hochschule der Medien in Stuttgart bietet auf ihrem Messestand Information für ihren Studiengang, jeder Informationssuchende ist ein gern gesehener Gast. Dem ist nicht überall so, dies führt die aggressiv werbende Dame am Brockhaus-Stand vor. Zum ersten Mal präsentierten sich heuer auf der Buchmesse Noten- und Musikverlage. In einem eigenen Ausstellungsbereich gab es Musik zum Sehen, Hören und Anfassen. Dazu Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse: „ Leipzig ist eine Musikstadt, Musik hat in Leipzig eine lange Tradition. Und was liegt näher, als diese Tradition aufzunehmen und das Thema Musikalien und Musikliteratur auf der Leipziger Buchmesse zu positionieren.“ Dass der West-Ost-Konflikt noch nicht zur Gänze beigelegt, beweisen spöttische Bemerkungen mancher Leipzig-Besucher, die sich beispielsweise über das geordnete Schlange-stehen von Einheimischen lustig machen. Die Leipziger Seele trägt‘s unverdrossen mit Fassung, dem Besucher schlägt nichtsdestotrotz ein Mix aus Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Witz entgegen. Festzustellen ist, die Reise nach Leipzig lohnt. Leipzig ist nach wie vor eine „Stadt des Buches“, eine Melange aus Charme, Esprit, Kultur und Kunst, mit dem Flair einer Weltstadt. |



