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Der Lauf der Welt (eine Textcollage in drei Teilen)

I. Das Meer – eine Impression

Der Wind faucht in die Meeresfluten, bringt endlich Bewegung in die behäbige Masse. Schnaufend plustern sich die Wellen auf, rollen träge, aber nichtsdestotrotz umso kräftiger vorwärts. In der Vorwärtsbewegung stoßen die Wellen die für sie so typischen Zischlaute aus, spucken Wassertropfen vor sich her. Diese Wellenspucke auch Gischt genannt, krönt die Wellen mit ihrem Schaum. Die zeremonielle Krönungsmusik liefern die Naturelement Wind und Wasser. - Schaumkronen überall. Wasser, ein Element ohne Formen, Kanten, Balken, bietet innerhalb seiner Wesensveränderung Gegensätze wie: AUF und AB, das WELLENTAL – der WELLENBERG, HINAUF – HINUNTER.

Einem etwaigen betrachtenden Auge vermitteln diese gegensätzlichen Bewegungen Furcht, Angst oder wenn nicht gar so krass, dann zumindest Respekt. Jedoch Respekt fußt auf Angst, denn das HOCH und TIEF, das AUF und AB, von WELLENBERG zu WELLENTAL vermag ungeübten Betrachtern die Nahrung aus den Eingeweiden zu pressen, - schlingern in den Gedärmen sozusagen. –

Laufende Berge, verfolgte sich krümmende und duckende Täler, wer in diese Szenerie unfreiwillig, ungeübt eingeklemmt, der stirbt, auch wenn er überlebt. Minütlich, stündlich, immerfort und unzählige Male. Er ist dem Element ausgeliefert, ist hilflos, zerschellt, zerbricht. Er soll auch zerbrechen, denn die Anmaßung dem Element trotzen zu können verdient Tadel, schreit nach Strafe. Naturelemente strafen grausam, nicht abgestuft nach dem Vergehen, warum auch? Die Natur untersteht keiner Gerichtsbarkeit, ist frei von Verantwortung, wird ohnehin nur ausgenutzt.

 

II. Erinnerung

Als vom Meer des Schicksals angeschwemmtes Strandgut trafen die drei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, in der aus alten Brettern errichteten Bar mit direktem Blick auf das Meer, fernab jeder zivilisierten Welt, aufeinander, vertranken Vergangenheit und Tag um Tag. Auch wenn das Destillat wie die Sonne brannte, war ihren Gesichtern anzumerken, dass es ihnen nicht gelang, alle Erinnerungen im Glas zu versenken. Einsam und sprachlos versengten sie mit dem Alkohol ihre Eingeweide, rissen sich mit dem Alkohol ihre Seele aus dem Leib und verkümmerten nebeneinander, nicht miteinander, mieden sie sich doch. Die mitunter unruhig flackernden Augen verrieten Misstrauen. Keiner wusste was den anderen nach hier verschlagen hatte, so versuchten sie einander ein- und abzuschätzen.

Igor, dessen harter Akzent seine Abstammung verriet, versteifte seine Haltung wenn er dachte, studierte die Gesichtszüge, des sich ständig mit den grobknochigen Fingern der linken Hand an der Theke festhaltenden Hans, ohne eine Regung zu zeigen, roch mit seinem antrainierten Instinkt das dunkle Geheimnis des Deutschen in dessen allgegenwärtiger Angst.

Ebenso wie die beiden Europäer, ignorierte der schmerbäuchige Asiate das dunkelhäutige Gesicht mit der platt gedrückten Nase, welches zu dem Nachfahren der Ureinwohner dieser Südseeinsel gehörte, der sich wie all die Tage zuvor, auf den Eingangsstufen der türlosen Bar niedergelassen hatte. Augenblicke nachdem er Platz genommen, war er schon unsichtbar geworden, wurde eins mit seiner Umgebung, war zu Holz geworden, roch sogar danach. In vielen Ozeanen dieser Welt hatte der Asiate geplündert, ein Menschenleben bedeutet ihm nichts, nur in seinen Träumen suchten ihn die gemordeten Seelen heim. In den Träumen meldete sich das verdrängte Gewissen, so wie Igor die geschundenen Körper seiner Folterungen heimsuchten, und diesmal ihn unter Wasser drückten.

Feigheit frisst Kinder, dachte Igor. Ja Kinder, sinnierte er und war überzeugt mit seinme Gefühl, zu dem sich seine Erfahrungen gesellten, richtig zu liegen. Die animalisch herben Gesichtszüge des Deutschen, die einerseits hemmungsloses Verhalten spiegelten als auch Rücksichtslosigkeit, dazu die entsprechende Gestik, der Geruch nach Angst, das Puzzlebild setzte sich zusammen. Abschaum für Igor, und rasch spülte er die braune hochprozentige Flüssigkeit mit einmaligem Schlucken in sich.

Im Alkohol verflüchtigten sich die Träume der Nächte, aber für wie lange? Igor spürte, dass sich der Tag, an dem er für seine Taten büßen müssen würde, näherte. Bilder der Vergangenheit vermengten sich mit Träumen, die aufsteigende Unruhe in ihm mutierte zum Gradmesser, mit dem er die Zukunft erahnte, befürchtete, hilflos erwartete.

Und auch wenn die drei Menschen an diesem abgeschiedenen Ort kein Wort miteinander wechselten, tauchte in ihrem Denken einheitlich der Wunsch auf: einmal nur die Erinnerung auslöschen. Das Wissen um die Vergangenheit bestimmte die Gegenwart, das sogenannte „Hier und Jetzt“; und die Sehnsucht nach Zukunft war längst in einer unendlichen Tiefe versenkt.

Wie hingezaubert, huschte dem vor der Bar hockenden Maori ein zaghaftes Lächeln über das Gesicht.

 

III Tukkukino der Maori

Als sich die Erinnerung zerstörte begann die Erde zu weinen.

Ein silbriger Lichtstrahl flammte durch die Nacht, nachdem der Welt das Denken abhanden gekommen war. Die Schreie ausgestoßen aus Schmerz und Verzweiflung, verhallten ungehört in der Weite des Universums. Grelle Blitze durchschnitten das Dunkel, Feuerbälle explodierten, eindrucksvoll zerplatzte die Zukunft. Unzählige tote Tiere flogen in einem farbigen Lichtermeer durch die sirrende Luft dem Himmel entgegen. Der Berg zerbrach in sich, Felsen sausten als Splitter durch die Luft, zerschlugen jedes Abwehrschild auf das sie trafen. Brennende Vögel leuchteten die Steppe aus, machten die Nacht zum Tag. Erst brannten vereinzelte Bäume, die wie einsame überdimensionale Fackeln im Wald standen. Mit dem Knistern, das sich ausbreitete ging auch das Feuer in die Breite, gruppierte die Fackeln zu einer wild zuckenden Feuerwand. Rote Zungen schlugen aus dem Licht, fraßen alles was sie erreichten. Die Schatten tanzten wild über den feurigen Bildern, projizierten wirre und diffuse Bilder, sodass die davongekommenen Kleintiere sich zusammendrückten und noch mehr zu fürchten begannen. Kein Stern war mehr sichtbar, entweder waren sie alle herabgefallen, oder nur vom Staub der zerplatzten Erde verhüllt. Verlassen und ängstlich zögerten die Tiere ihre Schreie hinaus, als ob sie sich nicht getrauten ihre Klageschreie in das Inferno zu schicken. Der beißende Rauch und der abrupt einsetzende Nebel vermengten sich zu einer staubigen Wand, die der Wind vor sich hertrieb und die alles was ihr unterkam, verschluckte.

Die Felsspitze ragte als gewaltige Nadel hoch aus dem Wasser, von allen Seiten schier unbezwingbar, und doch hob sich von ihrer Spitze, die nicht mehr als zwei Fuß breit Platz bot, deutlich, im Schein des sich im Wasser spiegelnden Feuers, die Silhouette eines Mannes ab. Immer wenn die Feuerrohre ihre flammende Glut ausspien und den Himmel in tiefstes Rot versenkten, war die Gestalt auf der Felsnadel genau sichtbar. Im darauffolgenden Moment der Finsternis dagegen, erschienen Mensch und Fels zusammengewachsen als Einheit, als bizarrer Turm, der aus dem See ragte.

Der physische Körper von Tukukino verschmolz mit dem Felsen und sein Geist erhob sich in die bitter schmeckende Allmacht der gelben und nach Schwefel riechenden Wolkentürme. Sein Geist war in die Unendlichkeit des Universums eingetaucht, und derweilen die Menschen vor den gewaltigen Lavamassen in ihren Booten auf das weite Meer flüchteten, verspürte Tukukino in seinem Körper die schaukelnden Wellenbewegungen des Meeres und schmeckte Salz auf seiner Zunge. Wasser, Wind, Feuer, Luft, Erde, die Elemente der Natur klärten sein Denken. Das Feuer war aus der aufgebrochenen Erde geschossen, und die Windgeister hatten die roten Feuerbälle in den Himmel gefaucht.

Die Zeichen erfüllten die überlieferte Geschichte, die besagte:

Und wenn sich Wind, Feuer, Luft und Erde erheben, werden sich schon bald die Mächte des Wassers zusammentun, aufstehen und eine riesige brechende Welle wird sich aus dem Meer auftun und die Insel für lange Zeit von allen Erinnerungen rein waschen.

 

(Veröffentlicht 2010 im Freya-Verlag)

 
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