Begräbnis (aus dem Roman TRICHTERSPRUNG) PDF Drucken E-Mail

Begräbnis 1973 (Anmerkung: der Erzähler Stefan H. ist 1956 geboren)

Die Orgel klirrte die klangvolle Musik zunichte, kühlte die Kirche noch mehr aus. Der Pfarrer faltete seine Hände, verzog sein Gesicht zu einer schiefen Grimasse, die wohl Trauer ausdrücken sollte. Er holte tief Luft, hob an zu singen, seine Stimme kratzte. Die anwesenden Kirchengäste huldigten seinem Vorspiel, indem sie mit überwiegend lauter Stimme genau das, was er vorsang, wiederholten. Verstohlen sah ich von links nach rechts, riskierte einen Blick in die Runde, bemühte mich mein Umherschauen so unauffällig wie nur möglich zu gestalten, galt ich doch als eine der Hauptpersonen der Trauergemeinschaft. Ein ungutes, ein unruhiges Gefühl kroch in meinen Körper. Ich spürte Blicke und dachte, was hieß schon Begräbnis; begraben, diese erbarmungslose Zeremonie für mich als Betroffenen. Alle Augen der Stadt betrachteten nur dich, schauten dich neugierig an, um zu sehen, wie du das Ganze überstehen würdest, um danach davon erzählen zu können. Der Tratsch würde genau angeben, ob, wann und wo du zusammengeklappt, wie oft du in Tränen ausgebrochen bist. Trauer-Exhibition, dachte ich. Ich begann meinen aufschluchzenden Vater um seine Tränen zu beneiden, starrte mit verkrampfter Haltung in das Kirchengewölbe, sah hindurch, versuchte mir vorzustellen, Nägel durchbohrten meine Gliedmaßen, dachte an grausige Schmerzen, die mich peinigten, nur um Tränen hervorzupressen.

Der monotone Trauermarsch schaltete mein Denken ab, versetzte mich in ein Marschgefüge, in dem ich automatisch vom rechten Fuß in den linken fiel. Ständig im Takt, ohne dass ich bemüht war, mich an denselbigen zu halten. Diese Trauermusik, eher schaurig als traurig, brachte einen bislang unbekannten inneren Rhythmus fürs Marschieren in mir zum Vorschein.

Tief atmen, langsam nach rechts vorfallen, wiederum tiefes Durchatmen, vorfallen nach links, atmen, rechts, atmen, links, und so fort. Mein Schauen richtete ich gen Boden, sah aus den Augenwinkeln unzählige Reihen von gaffenden Menschen entlang der Leichenprozession. In einer Zeit und in einer Stadt, in der man die Beliebtheit eines Verstorbenen an der Zahl der Kränze und der am Begräbnis teilnehmenden Personen maß, durften die Zaungäste dieses Spektakels nicht fehlen. Der Weg von der Kirche zum Friedhof führte quer durch die Stadt, exakt ausgedacht zur Befriedigung der Neugier.

Am Friedhof angekommen drängten sich die Leute um die umliegenden Gräber, ich sah sie die Hälse recken, wusste, sie hielten Ausschau nach mir. Mein Magen rebellierte, ich atmete tief und schwer, sah die Gitterstäbe nicht und trotzdem war ich in einem Käfig gefangen. Das schlichte Holzkreuz hatte der Mesner einfach in den Erdhaufen gedrückt, der aussah wie ein Wall, rund um die freigelegte Grube. Das Holzkreuz stak schräg, was mich irgendwie störte, jedoch die paar Schritte vorzutreten und es gerade zu richten getraute ich mich nicht. Die vielen Menschen um mich betäubten fast mein Denken, mein Handeln, meinen Willen. Ich wollte weg, ganz weit weg, wünschte mich woandershin, egal wohin, dort, wo mich niemand kannte, mich niemand anstarrte.

Die Trompeter spielten Näher mein Gott zu dir, während die schwarz gewandeten Leichenträger dem Druck des Seiles in ihren Händen langsam nachgaben und so den Sarg hinab in das schwarze Loch versenkten.

Gott, Gott, der Pfarrer sprach erneut von ihm, er meine Mutter heimgeholt hatte. Gott, Gott, wann hörte dieses Zeremonienspiel endlich auf, dieses verlogene Getue, Gott, Gott, wenn es dich wirklich gibt, was bist du nur für ein Scheißkerl, dachte ich. Die Wut stieg in meinen Kopf, löste ein Zittern meines Körpers aus. Mein Vater stieß mich an, verwundert schaute ich auf, begriff vorerst nicht, dann ging ich langsam nach vor, stand allein vor dem Grab. Mutterseelenallein, dachte ich, was für ein Wort. Ich sprengte Weihwasser in die Grube, ergriff die Schaufel, warf Erde in das schwarze Loch, vernahm das polternde Geräusch, als die Erde auf den Sarg auftraf. Wenn ich jetzt nachspringe, ist alles vorbei, dachte ich, zumindest wissen sie, die Gaffer, die Verwandten, mein Vater, dass es mich noch gibt; wen begraben sie eigentlich, was ist mit meinem Leben, das meiner Mutter ist zu Ende, warum zerstören sie jetzt meines? Nichts darf ich, ich will hier nicht stehen und in dieses verdammte schwarze Loch starren. Wut, Schmerz und Zorn in mir explodierten, ich schrie auf, konnte mein Schluchzen nicht halten. Niemand bemerkte, dass ich vor Zorn, nicht aus Trauer aufschrie. Hass gegen jedermann und alles schüttelte meinen jungen Körper.Die Verwandten, die mich stützten, hätte ich am liebsten abgeschüttelt, sie bespuckt, ins Gesicht getreten, sie beschimpft. Ich wollte fluchen, schreien, ihr egoistischen Narren, merkt ihr jetzt endlich, dass ich da bin, ich will euer Mitleid nicht, ich will leben, mein Leben leben!; meine Gedanken wirbelten. Ich sandte mein Fühlen und Denken weg, fing mich, zog aus dem Gehirn meine starre Maske hervor, band sie mir um und ließ dieses Trauerspiel an mir vorbeiziehen.

Bei der abschließenden Parade – die Trauergäste zogen an den Angehörigen vorbei und kondolierten – war mein Geist schon lange abgeschaltet. Auf die stets gleich bleibende Kondolenzformel Beileid, herzlichstes Beileid antwortete ich mit einem schlaffen Händedruck, unterdrückte sogar meinen Ekel, wenn mich alte Frauen an ihren Busen drückten, mich abknutschten, abküssten, unter den ständigen Beteuerungen, welch einmalig gute Frau meine Mutter gewesen war. Alles zog an mir vorbei, nichts in der Welt konnte meine erstarrte Miene in Bewegung versetzen.

Meine geistige, von mir gewollte oder besser gesagt herbeigeführte Blockade hob sich beim Betreten des Gasthauses, in dem mein Vater den Leichenschmaus abhielt, mit einem Schlag wie von selber auf.

Mein Onkel und ich waren später dran als die anderen, wir waren noch zu Hause gewesen, holten irgendetwas, von dem ich nicht wusste, was es war. Mein Onkel redete andauernd auf mich ein, ich hörte zu, verstand nichts von dem, was er sagte, wollte gar nicht, war aber trotzdem froh, dass sich irgendwer so lange mit mir beschäftigte, sich irgendwer mit mir abgab, jemand da war, dem ich offensichtlich nicht egal war. Ich sah zu, wie er sprach, im Auto, auf dem Weg nach Hause, wartete im Auto auf ihn, er kam, schlug den Weg Richtung Gasthaus ein. Vaters Stammwirt, und er begann unverzüglich weiterzusprechen. Wiederum sah ich ihm beim Sprechen zu, nahm nur seine Stimme wahr, beobachtete seine sich schnell bewegenden Lippen. Nichts drang durch. Mir war, als säße ich vor einem Fernsehapparat mit Tonstörung. Mein Onkel erwartete offensichtlich keine Antworten, vielleicht hatte er auch gar keine Fragen gestellt, erzählte einfach, vielleicht wirklich nur deshalb, weil er wusste, was mir jetzt guttat.

Der Schock traf mich völlig unvorbereitet, auf nüchternen Magen sozusagen. Hatte ich beim Betreten eine befangene, betroffene, womöglich sogar rührselige Begräbnisstimmung erwartet, was fand ich vor? Eine Harmonika und sie begannen zu tanzen, dachte ich und musterte bestürzt die rotgesichtige, ausgelassene Trauergesellschaft. Der Pfarrer saß mitten unter ihnen, gab Witze zum Besten, hielt sich beim Lachen seinen bedeutsamen Bauch, nutzte jede Wortpause für einen kräftigen Schluck Wein, prostete. Mir war, als wäre ich gegen eine Holzwand gerannt, der Wirtshaussaal wankte. Mein Vater winkte mir, drückte ein Viertelliterglas, randvoll gefüllt mit Weißwein, in meine Hand, sagte etwas im Sinne von schon alt genug dafür. Das Glas in meiner Hand schwankte, der Wein rann meinen dunkelblauen Anzug hinab, ich hörte Scherben.

„Macht ja nichts“, meinte das Serviermädel freundlich. Sie sah mir in die Augen, lächelte. Mir gefiel ihr lächelndes Gesicht. Ernst und unsicher schaute ich sie an, sie musste etwa gleich alt sein wie ich. Eine Stimme, die ich nicht zuordnen konnte, sagte: „Der arme Bub!“

Die nächsten zwei Gläser verschüttete ich nicht mehr. Der Nebel vor meinen Augen lichtete sich, ich rauchte gegen ihn an, rauchte eine Zigarette nach der anderen. Vater tolerierte mein Qualmen, wetterte heute zum ersten Mal nicht dagegen, das erste Privileg. Ich war in einer Erwachsenenwelt, die ich nicht durchschaute, alt genug meine Mutter zu begraben, dachte an die vergangenen Stunden, an die tränenschwangere Stimmung und dann dies hier. Die Glaskugel, in der ich gelebt hatte, zerplatzte und ein gewaltiger Druck schleuderte mich hinaus in diese verlogene Welt. Ich hätte mit dem Kopf gegen die Wand rennen mögen, vor Wut, vor Hass, ja, jetzt kehrte er zurück. Mich hatten sie immer von der Welt da draußen ausgesperrt, jedes Wochenende musste ich bei meiner Mutter im Spital verbringen und sie, was taten sie, sie trugen sie trauernd zu Grabe und feierten lustvoll.

Immer diese nicht unangenehme, manchmal monoton wirkende Stimme neben mir, mein Onkel. Er wich nicht von mir. Eine ältere Tante war da noch, die augenscheinlich schon längere Zeit bei mir verweilte. Auch sie sprach viel zu mir, verzichtete aber ebenso auf Fragen, als wüssten sie, wie sehr mich diese ewige Fragerei, der ich die letzten Tage ausgesetzt war, nervte, genervt hatte. „Wie geht’s in der Schule, hast du schon eine Freundin?“ Immerzu hatte ich mir vorgenommen, einmal vulgär zu antworten: Beschissen geht’s mir, weil ich kein Weib zum Ficken habe, nie hatte ich’s dann über meine Lippen gebracht.

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie mir die Tante manchmal Mineralwasser in mein Weinglas nachgoss, der Onkel versorgte mich mit Zigaretten. Genau genommen war die Tante eine Großtante von mir, seit jeher Tante, Tante Mitzi, gerufen. Der Onkel war einer der jüngeren Brüder meiner Mutter, vermutlich sogar der jüngste. Diese beiden hatte ich meist gut leiden mögen, sie repräsentierten den menschlicheren Teil unserer Familie. Als die beiden absolut nicht von meiner Seite wichen und mein Onkel mich sogar auf die Toilette begleitet hatte, fragte ich: „Ihr seid wohl meine Leibwächter?“ „Ich wehre nur die Alten ab, jung darf durch!“

Die Spur eines Lächelns huschte über mein Gesicht. „Endlich“, meinte meine Tante. Sie wandte sich mit Tränen in den Augen ab. Das Eis war gebrochen, zerschmolz, ich brauchte mich nicht länger als Einzelkämpfer zu fühlen, hatte plötzlich Gefährten. Die Welt war schlecht, beschissen. Zukünftig wollte ich die schönen Seiten dieses Scheißlebens kennenlernen, ich hatte genug. Vorsicht Welt, dachte ich, Stefan greift an. Das Gastzimmer hörte auf zu schaukeln, ich schüttete ein Glas Wein in mich hinein, tat, als schmeckte mir der saure Wein, als wäre ich gewohnt zu trinken. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben sah ich so bewusst, wie der Alkohol alles zudeckte, die Leiden begrub, die Menschen veränderte, mir half. Ich nahm die Hilfe an, sah wiederholt zu meinem Vater, nahm sein und das Verhalten von vielen anderen in mich auf, während sich in meinem Kopf ein Lautsprecher breitmachte, der nur ein Wort ausspie: Angriff, Angriff und immer wieder Angriff.

Zurück im Internat, mein Onkel hatte mich hergefahren, zog ich mich sofort um, denn in Jeans fühlte ich mich bedeutend wohler als im dunklen Anzug. Ein, zwei Mal tief durchatmen, froh sein, dass dieser Tag vorbei war. Mit Tag vorbei, meinte ich nicht den Tag als ganzen, sondern nur das Begräbnis, den Tag des Begräbnisses, und der war für mich mit dem Abstreifen der festlichen Kleidung zu Ende.

Die Welt hatte mich wieder, sollte mich erst kennenlernen.

„Kauf dir was Schönes“, hatten etliche Verwandte gesagt und mir Geld zugesteckt. Gewissensberuhigung; sie kauften den kleinen Jungen mit Geld für Bonbons, dachte ich, nahm das Geld trotzdem oder gerade deswegen, nahm mir vor, noch in derselben Nacht was Schönes zu kaufen. In Gmunden war die Szene, Café Rendezvous der Treff, lila Pillen, das Stück um hundert Schilling und das Bewusstsein flog aus, ging auf die Reise, deckte die grenzenlose Scheiße zu, nahm ihr sogar den penetranten Geruch. Für den nächsten Schultag halfen Captagon, die einen von der Reise runterholten und für den Tag aufputschten, zurechtmachten für Erzieher und Lehrer.

Die Glaskugel war zerplatzt, Angriff. Hier war ich zu Hause, nicht weil ich das Internat so mochte, ich hasste viele dieser Erzieher, die sich nicht anders als mit ihren Fäusten durchsetzen konnten, aber hier waren meine Schulfreunde, meine Internatsfreunde, hier war ich bekannt, beliebt, hier fühlte ich mich verstanden. Und hier war es möglich, auszubrechen, zu leben, auszuleben...........

 

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