| Alkohol |
|
|
|
|
Die runzel bewölkt die stirn, zerschründet die glätte, zieht grobe furchen und feine linien, während die aufgeworfenen brüchigen lippen des mundes sich öffnen und die lunge das kalt im raum hängende sauerstoffrauchgemisch ansaugt. die beiden flügel inhalieren abgestandene luftschwaden. nur rasselnd funktioniert die zirkulation. unter der runzel paaren sich buchstaben, schütteln einander durch, schieben und häufen sich auf zu worten. der geist der idee hält mit der geschwindigkeit der ablaufenden gedanken nicht mit, nebel verhüllt das bildnis aus wörtern. die zu worten angehäuften Buchstaben schwindeln, substantive überholen verben, verben eilen an adjektiven vorbei, adjektive lassen adverbe zurück und auch attribute, konjunktionen, präpositionen passen ihr tempo nicht aneinander an. hie und da, wenn so ein wort an einem anderen vorbeizieht, erhöht das langsamere die geschwindigkeit, versucht sich anzupassen, die anpassung misslingt, die wörter berühren sich zwar kurz, zerren aber dann in gegenteilige richtungen und die ohnehin nur als vage gedachte formulierung entfleucht. der kümmerliche rest des gedachten satzbildes klumpt im rachen und holpert als wortbrei in den raum. Speicheltropfen umhüllen die ausgestoßenen wörter und befeuchten wohltuend die trockene luft. der dunst des destillats täuscht im kopfinneren wellen vor, verbeißt sich in die gehirnrinde und wirkt als auslöser für das in fetzen reißen der wörter unter der zunge. der gaumen umspannt den kloß. die zunge schlägt aus, schnalz, die zunge setzt erneut an, gewinnt sozusagen, sozulallen sozusagen. die zunge verlernt das gleiten und rollen, stößt an die zähne, die wörter brechen aufs neue. der speichel bahnt sich seinen weg zwischen den zähnen hindurch, gewissermaßen ertränkt der alkohol die sprache. der vorhandene sprechwille denkt nicht an aufgabe, die bilder im geiste werden zunehmend konfuser und so rotieren die wörter im gehirn, zermatschen, zermantschen und zerfallen schließlich in urlaute. die lider finden gefallen an den wirren zuckungen der kiefermuskeln und setzen ihrerseits mit flattern ein. eifer ist noch eine gelinde bezeichnung für den einsatz des krausen augenballetts. den augen fehlt die verankerung, die pupillen lösen sich aus der parallelität, die linke erkundet unabhängig von der rechten. so entfernt sich die rechte pupille von der linken, sucht sie augenblicke später abermals und zwar mit einer wucht als ob sie aus ihrer umfriedung ausreißen möchte um auf die nebenseite zu gelangen. langsam zerstören die mienenspiele das gesicht. die grimasse hat sich angeschlichen und frisst das zur maske verkommene gesicht. die maske bröckelt ab, die zum vorschein kommende larve erscheint wiederum nur als neue hülle über einer neuen maske. maske um maske, larve um larve zerschellt und darunter immer wieder aufs neue eine maske eine larve erschließt und eine larve eine maske. das abstreifen der masken und larven kündigt die fratzenepoche an. der einseitige zweikampf zwischen alter und jugend findet statt, kehrt seinem ende zu. das ende ist eigentlich kein kampf, vielmehr ein ständiges überholen, wie auf einer rennbahn. die jugend schleicht behäbig in die erste kurve, da setzt das alter schon zur ersten überrundung an, bei der zweiten kurve zur zweiten überrundung und so fort. der hochprozentige treibstoff des alters verhindert die gewinnchance für die jugend, und als wär’s ein unfall, eine implosion, zerbirst die jugend in sich, sie scheitert am tempo des alters. alkohol und alter verbünden sich und drücken der körperhülle samt innerem ihren stempel auf. das aufsetzen des stempels schmerzt und brennt den körper, der geruch fauligen verbrannten fleisches liegt in der luft, ein geruchsbeweis für das treffen des glühenden brandzeichens auf fleisch. das destillat zersetzt die äußere und innere kraft, schlafft die muskeln, legt die flachsen frei so wie es das gewebe ruiniert. zellenfresser nagen die windungen an, fuhrwerken ohne scham und scheu in den verästelungen. zellenfresser erlahmen nie in ihrer fresswut, sie besitzen ein ein unfassbares kraftpotential und vermehrensich rapide durch spaltung. aus 2 werden 4, dann 8, 16 usw. sie zerschleißen die erinnerung und erschaffen über die gedächtnislücke den gänzlichen verlust, nicht von heute auf morgen, nicht von heuer auf nächstes jahr, sondern mit einer langsamen, fast andächtigen beständigkeit, die jedoch zur bestimmtheit ausufert. die zellenfresser, parasiten, laben sich an alkoholrückständen. sie signalisieren dem willensgeschwächten körper ihren bedarf, sorgen mittels ihrer ausgestreuten signale, bestandteile eines sogenannten schmerzsignalsystems, für die einhaltung ihres fulminanten bedarfs. das system der signalvorrichtung zeichnet sich durch eine ausgeklügeltheit aus, die ihresgleichen sucht. hunderte, tausende, abertausende signale verteilen die zellenfresser über den körper, bevölkern äußeres sowie inneres mit diesen schmerzpunkten und betonen auf diese art mit massivem druck ihre bedürfnisse. das kontrollsystem bedient sich einer zentrale. diese regelt die inbetriebnahme der signale, stimmt sie aufeinander ab, bestimmt den betriebsgrad. die zentrale beherrscht die koordination der örtlichen einsätze ebenso wie die abstimmung der jeweiligen einzusetzenden verbände. je nach gegebenheit erhöht oder dezimiert sie die anzahl der in anspruch zu nehmenden signale, lässt vereinzelt signalbereiche anschwellen, steigert oder vermindert nach gutdünken abrupt das ausmaß. bei größer angelegten einsätzen bei besonders hartnäckigen fällen schaltet sich das spezialkontrollsystem hinzu. dieses beinhaltet die gewichtsverlagerung der signale. die der linken seite blasen sich auf, potenzieren ihr gewichtsvolummen, schwächen gleichzeitig das der gegenseite und umgekehrt. der gleichgewichtssinn zerplatzt und die bewegungsabläufe fließen nur zaghaft dahin. das gift „lupt“ die Bewegung zu zeit, fallräume entstehen, der kopf hängt nach unten, die beine ziehen nach oben, oben ist unten, rechts könnte oben sein und links die mitte. das fallen bringt ein purzeln mit sich, der rhythmus fehlt nach wie vor. das unten vertauscht seinen bereich mit der schräglage, das links hängt schief über dem rechts, der richtungskollaps naht. das liegen erscheint als stehen in der horizontalen, das stehen aber nicht als liegen in der vertikalen, entbehrt der körper doch die koordinaten zum stehen. normbilder filtern ausschließlich gemächlich ein in das ramponierte GEISTESICH. die norm verschwindet, bietet platz für das duo phantasie und utopie. diese eingesogenen bilder vermissen jeglichen schöngeist, verstehen sich auf dämonische vergrößerungen von animalischen lebewesen. das mikroskop der sucht entzieht dem auge das maß, sperrt das reale bewusstsein und reflektiert im verhalten die geistige desolatheit wider. |



